Basel (alphagalileo) - Zur Römerzeit waren Rinder in der Schweiz wesentlich grösser als in der
vorhergehenden keltischen oder anschliessenden frühmittelalterlichen Periode. Mit Unterstützung des Schweizerischen
Nationalfonds untersuchen Forschende der Universität Basel diese Grössenunterschiede und gehen der Frage
nach, ob die heutigen Rinder einen Stammbaum bis in die Antike haben.
Friedlich grasen zwei Hinterwälder-Kühe im Tierpark von Augusta Raurica in der Nähe von Basel. Die
Schulterhöhe der für heutige Verhältnisse kleinen Rinder stimmt etwa mit jener der Römerzeit
überein. Der Archäozoologe Jörg Schibler vom Institut für Prähistorische und Naturwissenschaftliche
Archäologie der Universität Basel schätzt, dass die Rinder damals eine durchschnittliche Schulterhöhe
von rund 115 cm (weibliche Tiere) bis 130 cm (männliche Tiere) erreicht haben. Heutiges Simmentaler Fleckvieh
ist rund 20 cm grösser. Noch wesentlich schmächtiger als die römischen waren die keltischen und
frühmittelalterlichen Rinder. Das hat die Vermessung von 5826 Gelenken von Rinderknochen aus Augusta Raurica
(15 vor bis um 400 nach Christus), zwei keltischen Grabungsstätten in Basel (Zeitraum von 150 bis 20 v. Chr.)
und einer frühmittelalterlichen Fundstätte bei Schleitheim (600 bis 700 n. Chr.) gezeigt. Diese Resultate
erlauben eine Aussage über die Grösse und die Wuchsform der Tierkörper.
Über die Ursachen der grossen Unterschiede in der Wuchsform zwischen keltischen, römischen und frühmittelalterlichen
Rindern kann nur spekuliert werden. Ein Grund könnte die bessere Ernährung und Haltung der Tiere zur
Römerzeit gewesen sein. Doch es ist auch denkbar, dass die Römer eigene Zuchttiere aus Italien in die
neue Provinz nördlich der Alpen brachten. Wenn das zutrifft, müssten sich Spuren im Genmaterial der römischen
Rinder finden.
Die Molekularbiologin Angela Schlumbaum, die mit Jürg Schibler zusammenarbeitet, hofft diese Fragen mit Hilfe
genetischer Analysen zu beantworten. «Die heutigen und die damaligen Rinder haben gemeinsame Vorfahren im
Nahen Osten, wo das erste und einzige Mal in der Geschichte wilde Urrinder domestiziert wurden», erklärt
sie. Die Analyse des mitochondrialen* Genmaterials von Rindern aus der ganzen Welt zeigte, dass sich alle untersuchten
Rassen auf ursprüngliche Domestikationslinien im Nahen Osten zurückführen lassen. Lokale, europäische
Domestikationszentren scheint es nicht gegeben zu haben, obwohl Auerochsen, die wilden Urrinder, fast überall
gelebt haben. Ob indes die Zuchtlinien moderner Schweizer Rinder einen Stammbaum haben, der bis in die Antike zurückreicht,
ist ungeklärt. Es ist auch denkbar, dass mit dem Verschwinden der Römer aus der Schweiz neue Rinderrassen
eingeführt wurden. Aufschluss über diese Frage erhofft sich Schlumbaum von den genetischen Analysen antiker
Rinderknochen aus Augusta Raurica.
Hunderte von Knochen zu analysieren
Solche Verfahren zur Untersuchung von Genmaterial sind heute bewährt und standardisiert. Von tierischem Material
aus archäologischen Grabungen wird meistens zuerst die mitochondriale, nur über die mütterliche
Linie weitergegebene “d-loop”-Sequenz untersucht. Sie wird durch Züchtung nicht beeinflusst und zeigt eine
hohe Mutationsrate. In einer einzigen Rinderzelle finden sich mehr als 1000 Mitochondrien1. Das erhöht die
Chance wesentlich, in antiken Rinderknochen überhaupt fündig zu werden.
Doch noch immer ist die Suche nach den Rindergenen aus der Römerzeit eine knifflige Angelegenheit. Die Molekularbiologin
Angela Schlumbaum und ihre Mitarbeiterin brauchen einen ganzen Arbeitstag, um die DNA aus einem einzigen Knochen
zu extrahieren. Es dauert fast eine Woche, bis eine Sequenz entschlüsselt ist, und in nur rund der Hälfte
der Versuche ist die Suche erfolgreich. Ausserdem ist das Genmaterial aus den antiken Knochen nur noch in Bruchstücken
zu finden. Trotz der schwierigen Bedingungen zeigen die ersten Ergebnisse das hohe Potential der Gentechnik. «Wir
haben die Methode gut im Griff», sagt Angela Schlumbaum.
Ein wesentlicher Schritt steht noch bevor: Die Analyse von Genmaterial aus den verschieden Phasen der römischen,
aber auch der keltischen und frühmittelalterlichen Zeit. Dazu sollen auch Gene der Kern-DNA, insbesondere
solche des Y-Chromosoms (DNA-Faden mit Genen, die das männliche Geschlecht festlegen) verwendet werden, um
den Einfluss von männlichen Rindern zu untersuchen. Erst mit mehreren hundert Proben wird eine Aussage darüber
möglich sein, ob die Römer tatsächlich eigene Rinder mitgebracht haben.
Mehrere hunderttausend Knochen sind in der über 200-jährigen Grabungsgeschichte ausgegraben worden, und
mehr als 300'000 davon sind wissenschaftlich ausgewertet. Es ist trotz dieser riesigen Anzahl nur ein kleiner Bruchteil
dessen, was damals, in der Regel ausgekocht, in Abfallgruben entsorgt worden war. Knochen erhalten sich nur unter
günstigen Bedingungen. Zwischen 90 und 99 Prozent des Materials zerfällt zu Staub.
In den Abfallgruben der reichen Leute fanden sich vor allem Schweine-, Schaf-, Hühner- und Wildtierknochen,
kaum aber Rinderknochen. Das Rindfleisch war das Fleisch der ärmeren Schichten, die am Stadtrand lebten. Rinder
wurden in der Antike vor allem als Arbeitstiere verwendet.
* Mitochondrien sind Zellorganellen und werden auch als Kraftwerke der Zelle bezeichnet. Sie
werden nur von den Müttern, nicht von den Vätern, an die Nachkommen weitergegeben. |