Parlament: Gedenkversanstaltung gegen Gewalt und Rassismus   

erstellt am
06. 05. 04

Die Roma als österreichische Volksgruppe Thema der Gedenkstunde
Wien (pk) - "Gegen Vergessen. Roma - 10 Jahre österreichische Volksgruppe". Unter diesem Motto stand heuer die Gedenkveranstaltung gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus, die am Mittwoch (05. 05.) im historischen Sitzungssaal des Parlaments abgehalten wurde.

Neben den Reden von Nationalratspräsident Andreas Khol (siehe >>) und Bundesrats- präsident Jürgen Weiss (siehe >>) sowie des Vorsitzenden des Volksgruppenbeirats der Roma Rudolf Sarközi (siehe >>) stand ein umfangreiches kulturelles Programm im Mittelpunkt der Veranstaltung, für welches die Hans Samer-Band, Christine Sztubics und Burgschauspieler Frank Hoffmann verantwortlich zeichneten.

Nach dem Lied "Und die Geigen verstummten" begannen Hoffmann und Sztubics ihre Lesung mit einem Text von Erich Fried, ehe sie Auszüge aus dem Werk von Karl Stojka brachten, so unter anderem "Die 12 Kreuzwege der Roma und Sinti im Dritten Reich". Vom Leidensweg der Roma im Nationalsozialismus berichtete auch ein Text von Kathi Horwath, während das Märchen "Die große Liebe", das die Künstler auf Deutsch und auf Romanes vortrugen, von der kraftvollen Poesie der Roma zeugte. Abgeschlossen wurde das Kulturprogramm mit "Ghelem, Ghelem", der Hymne der Roma: "Mit Pferden und Wagen sind wir den Weg gegangen, die ganze Gemeinschaft mit den Kindern den langen Weg, wir armen Roma. Die Reichen wissen nicht, was es heißt, nichts zu essen zu haben, wo soll ich danach suchen? So ist es immer, in all den Jahren. Unser Gott hat uns zu dem gemacht. Gehen wir, Roma, gehen wir."

Parallel zu der Gedenkveranstaltung wurde im Hohen Haus auch eine Ausstellung zum Thema "Ein Jahrzehnt Roma-Politik in Österreich" aufgestellt, die noch bis 12. Mai in der Säulenhalle des Parlaments zu besichtigen ist. Diese Dokumentation gibt einen Überblick über die Roma-Politik mit ihren wichtigen Entwicklungen und aktuellen Fragen und vermittelt historische Hintergrundinformationen. Weiters werden die Geschichte des Kulturvereins österreichischer Roma sowie die wichtigsten Ereignisse und Fortschritte für die Volksgruppe der Roma rekapituliert.

 

Khol: Faktische Ungleichbehandlung der Roma ist noch nicht beendet
Wortlaut der Rede des Nationalratspräsidenten bei Gedenkveranstaltung
Wien (pk) - Der Präsident des Nationalrats Andreas Khol eröffnete am Mittwoch (05. 05.) die gemeinsame Veranstaltung von Nationalrat und Bundesrat "Gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus". Wir bringen seine Rede im Wortlaut:

"Sehr verehrte Damen und Herren! Seit 1998 ist der 5. Mai für Österreich ein Tag besonderen Nachdenkens. In den Entschließungen von National- und Bundesrat vom November 1997 heißt es: 'Der 5. Mai - der Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen – möge in Österreich im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus als Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus begangen werden.' Heute wollen wir in diesem Auftrag jener Sinti und Roma gedenken, die Opfer des Nationalsozialismus wurden.

Die unfassbare Grausamkeit des nationalsozialistischen Rassenwahns, verbunden mit der mörderischen Präzision einer exakt arbeitenden Bürokratie des Todes, kostete auch hunderttausend so verächtlich genannten 'Zigeunern' das Leben. Sicher, die Roma und Sinti waren schon viel früher verfolgt, ausgestoßen, gequält und getötet worden. Doch nichts lässt sich mit dem anhaltenden, geplanten, über Jahre durchgezogenen Massenmord der Nationalsozialisten vergleichen. Sofort mit der sogenannten Machtübernahme setzte die systematische Diskriminierung und Verfolgung der Sinti und Roma ein. Waren die Nürnberger Rassengesetze formal gegen die Juden gerichtet, so wurden sie auch bald zur Diskriminierung der Roma und Sinti verwendet. Ab 1936 kam es in mehreren Wellen zu Einweisungen von Roma und Sinti in Konzentrationslager, vielfach als 'Asoziale'. Der so genannte 'Zigeunergrunderlass' von Heinrich Himmler vom 8. Dezember 1938 brachte die rassenbiologische Begründung der Verfolgung. Der 'Auschwitz-Erlass' Himmlers vom 16. Dezember 1942 löste dann die Politik der Internierung und Deportation durch eine systematische Vernichtungspolitik ab.

Auch in Teilen unseres Landes setzte die Diskriminierung und Verfolgung bereits sofort nach dem 'Anschluss' ein. Entziehung des Wahlrechts, Verbot des Schulbesuchs und des öffentlichen Musizierens, Zwangsarbeitsverpflichtung, Verhaftungen. Die erste große Verhaftungswelle im Burgenland fand im Juni 1939 statt. 2000 arbeitsfähige Männer und 1000 Frauen wurden zunächst in Dachau, dann in Buchenwald ihrer Freiheit beraubt, verhaftet. Im November 1940 wurde das Anhalte- und Zwangsarbeitslager Lackenbach zur Internierung vor allem der burgenländischen Roma errichtet. Lackenbach war ein KZ, ein Konzentrationslager wie alle anderen schrecklichen Lager auch. Zwangsarbeit unter härtesten Bedingungen, Prügelstrafe, stundenlanges Appellstehen, Essensentzug, mangelnde medizinische Betreuung. Dann kam es zu den Transporten in die Vernichtungslager. Über 2500 österreichische Roma und Sinti wurden nach Auschwitz deportiert, wo sie im sogenannten 'Zigeunerfamilienlager' Birkenau auf die Vernichtung warteten. Der Großteil musste sterben.

Zu den grausamsten Taten zählten die medizinischen Versuche und Zwangsmaßnahmen, denen auch Roma und Sinti unterworfen wurden: Fleckfieberversuche in Buchenwald, Zwillingsversuche in Auschwitz, Zwangssterilisierungen in Auschwitz oder Ravensbrück.

Die Opferzahlen sind nicht einmal genau zu erheben – jüngste Schätzungen gehen dahin, dass von den rund 11.000 vor 1938 in Österreich lebenden Roma und Sinti nur 1500 bis 2000 die nationalsozialistische Vernichtungspolitik überlebten. Die Gesamtzahl der von den Nationalsozialisten ermordeten Roma und Sinti wird auf 500.000 geschätzt – die Hälfte der 1939 in Europa lebenden Roma und Sinti.

Und das obwohl die Roma und Sinti eine lange europäische und daher eine lange österreichische Geschichte haben. Schon ab dem 5. Jahrhundert kam es zu Wanderungen aus Indien nach Europa. Nach Österreich kamen die Roma ab dem späten 15. Jahrhundert aus Zentralungarn. Die erste urkundliche Erwähnung der Roma in den westungarischen Komitaten geht bis ins Jahr 1389 zurück. Im Jahr 1674 stellte Graf Christof Batthyany einer Gruppe von Roma unter der Führung ihres Woiwoden Sarközy einen Schutzbrief für seine Besitzungen im Südburgenland aus. Das ist das erste Dokument über die dauerhafte Ansiedlung einer Romagruppe auf dem Gebiet unserer heutigen Republik. Die Lovara ('Pferdehändler') waren in unser Land in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vom Balkan eingewandert. Die Sinti kamen aus den böhmischen Ländern, weitere Gruppen kamen nach 1960 im Zuge der Gastarbeiterbewegung in Europa nach Österreich.

So lange wie die Geschichte der sogenannten 'Zigeuner' ist auch die Geschichte ihrer Verfolgung. Immer wieder wurden sie weggewiesen, wurde unter den Vorwürfen asozialen und kriminellen Verhaltens Jagd auf sie gemacht, wurden sie mit inhumaner Strafgesetzgebung verfolgt. Maria Theresia und Josef II. versuchten, mit Zwangsansiedlung die Integration zu erzwingen. Dazu kamen Militärpflicht, Pflicht zum Erlernen eines Handwerks, Verbot des Pferdebesitzes, Einschränkungen der Freizügigkeit, Verbot der Verwendung der Sprache, schließlich sogar die Entziehung von Kindern. Oftmals führten die Maßnahmen dazu, dass Roma und Sinti in ihrer Existenz bedroht waren und nach Auswegen suchten, die sie in die Kriminalität stießen. So wurden sie oftmals nicht nur als Außenseiter, sondern als Ausgestoßene im wahrsten Sinne des Wortes behandelt.

Nach 1945, nach ihrer Rückkehr aus den Konzentrationslagern fanden sich die wenigen überlebenden Roma und Sinti in unserer Republik vielfach mit der gleichen Ablehnung und Diskriminierung konfrontiert, der sie schon zuvor begegnet waren. Als die Burgenland-Roma in ihre Heimatorte zurückkehrten, fanden sie ihre Häuser in den insgesamt rund 130 ehemaligen Roma-Siedlungen großteils zerstört. Die Gemeinden stellten zögernd zunächst Notunterkünfte zur Verfügung. Eine Besserung der Situation ergab sich erst ab Mitte der fünfziger Jahre, als die nach dem Opferfürsorgegesetz ausbezahlten Haftentschädigungen die Errichtung neuer Wohnhäuser möglich machte. Dennoch blieb die Ghettosituation großteils bestehen. Auch die kleinen alltäglichen Diskriminierungen setzten sich nach 1945 oftmals fort. Immer wieder kam es zu Tätlichkeiten gegen Roma und Sinti, die ihren traurigen Gipfel im Attentat gegen die Roma-Siedlung in Oberwart am 4. Februar 1995 fanden. Diese Gewalttat führte zu einer intensiveren Medienberichterstattung über die tristen Lebensverhältnisse der Roma. Erst in der Folge kam es zu neuen Initiativen zur Verbesserung der Wohnsituation und der beruflichen Qualifikation der Roma und Sinti.

Über die Jahre hinweg war zunehmend die Bereitschaft gesunken, sich in der Öffentlichkeit als Angehöriger der Volksgruppe der Roma oder Sinti zu bekennen. Wenn dann auch im Familienverband das Romani nicht gepflegt wurde, kam der Kultur- und Sprachverlust. Das Volksgruppengesetz von 1976 berücksichtigte zwar neben Slowenen und Kroaten auch Ungarn und Tschechen, nicht aber Roma und Sinti, die nicht als 'autochthone' Volksgruppe angesehen wurden. Mit dem Bestreben nach Anerkennung als Volksgruppe kam es auch zu neuen Organisationen, wie dem 'Verein Roma' in Oberwart (1989), dem Verein 'Romano Centro' in Wien (1991), dem 'Kulturverein österreichischer Roma' in Wien (1991) und dem 'Verband österreichischer Sinti' in Villach (1993). In einer Petition forderten die Vereine die Errichtung eines Volksgruppenbeirates für Roma und Sinti. Das geschah schon unter der Leitung von Rudolf Sarközi, dem Vorkämpfer für die Roma-Gleichberechtigung mit seinem Team in Österreich. Mit der einstimmig gefassten Entschließung des Nationalrates vom 15. Oktober 1992 wurde die Bundesregierung aufgefordert, 'ihre Bemühungen zur Anerkennung der Roma und Sinti österreichischer Staatsbürgerschaft als Volksgruppe fortzusetzen und ehestmöglich abzuschließen'. Dem folgte sehr schnell eine entsprechende Verordnung der Bundesregierung, mit der ein Volksgruppenbeirat für die Volksgruppe der Roma eingesetzt wurde; er wurde am 5. September 1995 konstituiert.

Damit hat Österreich als erster EU-Mitgliedstaat die Roma und Sinti als ethnische Minderheit anerkannt und zumindest die rechtliche Diskriminierung beendet. Aber es ist noch viel zu tun. Weiterhin mangelt es an EU-weit geltenden Standards des Minderheitenschutzes, was in diesem Zusammenhang besonders schwerwiegend erscheint, zumal die Roma und Sinti nach der EU-Erweiterung - laut einer aktuellen Studie der Weltbank - die wirtschaftlich ärmste Minderheit in Europa darstellt, mit höherer Arbeitslosigkeit, schlechterer Schulbildung und niedrigerer Lebenserwartung, als sie alle anderen Minderheiten auf unserem Kontinent aufweisen. Gleichzeitig sind die Sinti und Roma in Europa mit 8 Millionen Angehörigen die größte ethnische Minderheit unseres Kontinents in der Union.

Die Förderung der Volksgruppe der Roma und Sinti in Österreich hingegen zeigt erste Früchte: das Bekenntnis zum Romani als Umgangssprache ist merkbar gestiegen (Volkszählung 1991: österreichweit 145 Personen, Volkszählung 2001: 6273 Personen). Viele weitere Zeugnisse des langsamen aber stetigen Erfolges der Volksgruppe der Roma und Sinti werden in unserer Ausstellung in der Säulenhalle dokumentiert. Ich lade Sie herzlich ein, sich die wenigen Minuten zu nehmen, um diese Ausstellung zu besuchen.

Dennoch - die faktische Ungleichbehandlung ist noch nicht beendet. Noch immer sind Roma und Sinti besonders armutgefährdet und haben nicht die gleichen Lebenschancen wie alle anderen Österreicherinnen und Österreicher, die anderen Volksgruppen angehören.

Die rassischen Vorurteile bestehen immer noch. Das Wort 'Zigeuner' wird oft gedankenlos, aber oft auch rassistisch bösartig verwendet. Meine Damen und Herren! Es ist abwertend und verächtlich und gehört aus dem Sprachschatz demokratisch denkender und fühlender Menschen gestrichen.

Wenn wir heute hier in dieser Veranstaltung das Unrecht beklagen und die Opfer bedauern, wenn wir heute der zehn Jahre gedenken, in denen die Sinti und Roma anerkannte Volksgruppe sind und in ihrer Kollektivität anerkannt und gefördert werden, so ist dies erst ein Anfang.

In Österreich lebt nur ein verschwindend kleiner Teil der größten europäischen Minderheit. Wir müssen europaweit Fortschritte zur Beendigung der Diskriminierung und der besonderen Förderung machen. Zum neuen europäischen Verfassungsvertrag liegt ein von Österreich unterstützter Abänderungsvorschlag vor, den Minderheitenschutz unter die Ziele der Union aufzunehmen. Dies wäre dann Grundlage und Auftrag, den Verfassungszielen auch Handlungen folgen zu lassen.

Wenn Rudolf Sarközi - der Vorsitzende des Volksgruppenbeirates der Sinti und Roma in Österreich, der noch zu uns sprechen wird -, sagt: 'Wir wollen einen festen Platz in der Gesellschaft', und wenn er weiters sagt: 'Wir können sagen, wir sind Österreicher, wir sind österreichische Roma im Vereinten Europa', so ist damit auch die Zielrichtung des weiteren Weges vorgegeben:

  • volle Integration und Gleichberechtigung;
  • gleichwertige, spezifische Bildungs- und Ausbildungschancen;
  • volle Integration in den österreichischen Arbeitsmarkt und ins Wirtschaftsleben;
  • soziale Sicherheit wie für alle Österreicherinnen und Österreicher - in allen Bereichen, von der Ausbildung bis zur Gesundheits- und Alterssicherung; und schließlich
  • Pflege der Sprache und Kultur im Sinne der wertvollen Tradition, die über die Jahrhunderte entstanden ist, also alle Maßnahmen des individuellen und kollektiven Volksgruppenschutzes.

Die in die Zukunft gerichteten Worte von Obmann Rudolf Sarközi bedeuten auch ein klares Bekenntnis der Minderheit selbst zu Österreich und auch dazu, dass sie sich bei der Verwirklichung dieser Ziel selbst voll einbringen will.

All dies sind unsere Aufgaben als der konkrete Handlungsauftrag, den wir gemeinsam mit den Vertretern der Volksgruppe umsetzen müssen.

Lassen Sie mich diese Einführung mit einem Zitat von Stuart E. Eizenstat schließen. Sie kennen ihn alle, er hat sich um die Beseitigung der Folgen des nationalsozialistischen Verbrechensstaates in Europa verdient gemacht - er schließt sein Buch 'Unvollkommene Gerechtigkeit' mit einem Zitat, das wie folgt lautet: 'Es ist nicht deine Pflicht, die Aufgabe zu vollenden, aber du darfst dich ihrer nicht entziehen.'"


 

Sarközi: Laßt uns in aller Verschiedenheit miteinander leben!
Wortlaut der Rede des Vorsitzenden des Volksgruppenbeirats der Roma
Wien (pk) - Nach der Rede von Nationalratspräsident Andreas Khol wandte sich der Vorsitzende des Volksgruppenbeirats der Roma, Professor Rudolf Sarközi, an die Ehrengäste:

"Meine sehr verehrten Damen und Herren! - Gestatten Sie mir diese einfache Form der Ansprache.

Sie haben eine grafisch schön gestaltete Einladung und Broschüre zu dieser Gedenkfeier erhalten. Sie sehen links die Urkunde meines Urahnen Martin Sarközi, ausgestellt vom Grafen Christoph Batthyány am 15. Februar 1674 in Rhohonc, dem heutigen Rechnitz. Diese Urkunde erlaubte es meinen Urahnen und ihren Familien, auf dem damaligen Gebiet des Grafen Batthyány frei und ohne Einschränkung ihrem Gewerbe nachzugehen. Niemand durfte sie bei der Ausübung behindern.

In der Mitte ein Brief der Gestapo vom 16.10.1939, von SS Hauptsturmführer Eichmann an SS-Oberführer Nebe, betreffend den Abtransport von „Berliner Zigeunern“. Wo der Transport endete, erkennen Sie am Wachturm, am Stacheldrahtzaun, der mit Starkstrom geladen war, und an den Scheinwerfern: im KZ. Rechts das Bundesgesetzblatt der Republik Österreich, ausgegeben am 23. Dezember 1993, mit der gesetzlich rechtlichen Anerkennung der Roma und Sinti als sechste österreichische Volksgruppe. Das sind 330 Jahre meiner Familie auf dem heutigen Boden von Österreich.

Ich danke im Namen meiner Volksgruppe Herrn Nationalratspräsidenten Univ.-Prof. Dr. Andreas Khol und dem Parlamentspräsidium für die heutige Gedenkveranstaltung. Es gibt mir die Gelegenheit, allen Personen, die am Zustandekommen der Anerkennung als österreichische Volksgruppe beteiligt waren, meinen ganz besonderen Dank auszusprechen.

Historisch gesehen haben wir 1989 den ersten Roma-Verein in Oberwart gegründet. Im selben Jahr wurden die Stacheldrahtzäune, die Mauern, der kommunistisch dominierten Länder weggerissen. Europa hat sich verändert. Seit einigen Tagen sind diese Länder Mitglieder des vereinten Europa.

Wir Roma sind dadurch zur größten Volksgruppe Europas geworden. So erfreulich das auch ist, ist der sozial schlechte und menschenunwürdige Zustand dieser Volksgruppe in diesen Ländern nicht zu übersehen. Slumähnliche Siedlungen zeigen, in welcher Notlage diese Menschen leben müssen. Europa ist gefordert, besonders die Nationalstaaten, in denen die Roma leben, deren Staatsbürger sie sind, bessere Lebensbedingungen zu schaffen. Die Hilferufe in den vergangenen Wochen über die ungerechte Behandlung und Benachteiligung wurden nicht gehört. Wo bleibt der Aufschrei von Regierungen oder Menschenrechtsorganisationen gegen diese Ungerechtigkeit?

Wie die Lebensqualität verbessert werden kann, ist am Beispiel Österreich zu sehen. Das konnte ich mit unserer Ausstellung Ende Jänner in Brüssel zeigen. Künftig wäre es schön und gut, wenn die neue Kommission eine Kommissarin oder einen Kommissar für Minderheiten, und hier meine ich ganz besonders die Roma, haben könnte. Denn dieser Kommissar oder diese Kommissarin könnten einiges bewegen, um auch den anderen Minderheiten, aber ganz besonders den Roma, eine bessere Zukunft zu geben.

Die Ausstellung, die wir in Brüssel gezeigt haben und die große Aufmerksamkeit erregt hat, können Sie heute auch hier in der Säulenhalle besichtigen.

Zur Geschichte der österreichischen Roma zählt die leidvolle Verfolgung und Vernichtung durch die Nationalsozialisten. Von 11.000 österreichischen Roma und Sinti haben ca. 2000 überlebt. Anhand meiner Familie möchte ich ein Beispiel geben. Sie umfasste 128 Personen, davon haben nur 8 Personen den Holocaust überlebt. 500.000 Menschen meiner Volksgruppe wurden Opfer des Nationalsozialismus. Aufgrund ihrer Abstammung wurden sie vom Säugling bis zum Greis systematisch und fabriksmäßig ermordet. Gedenken und Mahnen zählt zu meinen, zu unseren Prioritäten.

Dazu gehören Mauthausen, wo wir seit 1998 ein eigenes Mahnmal haben, die jährliche Gedenkveranstaltung in Auschwitz, wo es seit 2001 eine ständige Ausstellung im Stammlager, Block 13 gibt und wo die Vernichtung der Roma und Sinti in einer Dauerausstellung dokumentiert ist. Das offizielle Österreich war damals bei dieser Ausstellung vertreten durch Herrn Innenminister Dr. Ernst Strasser, der mit mir gemeinsam vor dem Erschießungsplatz und in Auschwitz-Birkenau einen Kranz niedergelegt hat.

1944 wurden in der Nacht vom 2. auf den 3. August 2.897 wehrlose Frauen, Männer und Kinder in den Gaskammern, im Krematorium IV ermordet und in den Verbrennungsgruben verbrannt, da die Krematoriumsöfen damals nicht verwendet wurden. Seit der Ermordung an diesen wehrlosen Menschen sind 60 Jahre vergangen.

Bundesminister Dr. Strasser war auch am 16. November 2002 Hauptredner in Lackenbach, wo er mir im Anschluss an die Gedenkstunde das Dekret zum Berufstitel „Professor“ überreicht hat. Für mich war die Auszeichnung, einige Tage nach meinem Geburtstag, ein Freudentag. Ich bin am 11. November 1944, in dem so genannten "Zigeuneranhaltelager" Lackenbach geboren. Aus diesem Anhaltelager, in dem 4.000 österreichische Roma und Sinti Häftlinge waren, wurden über 3.000 Personen in die Konzentrationslager nach Lodz, Auschwitz, Dachau, Mauthausen und Ravensbrück geschickt; die meisten von ihnen haben nicht überlebt.

Ca. 2000 Personen erlebten die Befreiung durch die alliierten Truppen. Sie sind heute krank an Leib und Seele, traumatisiert vom Unrecht, das man ihnen angetan hat. Einige von ihnen sind heute hier anwesend. Ihnen gehört mein besonderer Gruß.

1945 wurden in Lackenbach 250 bis 300 Personen von den Alliierten, die bei Klostermarienberg die österreichische Staatsgrenze überschritten haben, befreit. Zu diesen Personen gehörte auch ich.

1985 wurde in der Stadt Salzburg – Ignaz Rieder Kai, ein Mahnmal für unsere Opfer errichtet. 17 Jahre wurde diese Gedenkstätte kaum beachtet. Seit 2002 gedenken wir vor diesem Mahnmal jährlich unserer ermordeten Roma und Sinti.

Wir Roma- und Sinti-Vertreter mit unseren Vereinen haben seit der Gründung des ersten Roma-Vereins vor 15 Jahren, gemeinsam mit der öffentlichen Hand, enorme Fortschritte gemacht und sehr viel erreicht. Sei es das erste Dokumentationszentrum mit einer ständigen Ausstellung, die auch mobil unterwegs ist, die Betreuung und der Nachhilfeunterricht von Schülern in Oberwart oder die Kodifizierung der eigenen Sprache und die damit verbundene Kultur. Aber auch durch die Verbindung zu den Roma-Organisationen in unseren Nachbarländern und ihren diplomatischen Vertretungen hier in Österreich haben wir ständige Kontakte.

Bedanken möchte ich mich im Namen der Opfer des Nationalsozialismus für die Entschädigungszahlungen aus dem NS-Opferfonds, dem

Versöhnungsfonds und, ich hoffe, bald auch aus dem Allgemeinen Entschädigungsfonds. Persönlich möchte ich für die hohen Auszeichnungen, die mir verliehen wurden, danken. Für das große Ehrenzeichen des Landes Burgenland, das Goldene Verdienstzeichen des Landes Wien, das Goldene Verdienstzeichen der Republik Österreich und für das Ehrenzeichen des Landes Kärnten.

Ich habe klarerweise anlässlich dieser Gedenkstunde das Positive, das gemeinsam Erreichte, zum Wohle unserer Gesellschaft, in den Vordergrund gestellt. Natürlich gibt es noch einiges, wo wir besondere Aufmerksamkeit und Unterstützung benötigen. Bildung, Ausbildung, Soziales und Wohnen müssen nach wie vor gefördert werden. Wir brauchen hier die Hilfe des Staates, der Länder und Gemeinden. Die gesellschaftliche Anerkennung muss von beiden Seiten vollzogen werden. Von der Mehrheitsbevölkerung und von der Volksgruppe; die gesellschaftliche Anerkennung kann nicht verordnet werden. Die heutige Gedenkstunde trägt wesentlich dazu bei, diese Anerkennung auch zu erreichen.

Vor 11 Tagen haben wir einen neuen Bundespräsidenten gewählt; wir haben einen scheidenden Bundespräsidenten. Sehr geehrter Herr Bundespräsident Dr. Klestil! In Ihrer Amtsperiode haben wir die Anerkennung als Volksgruppe erreicht. Sie standen am offenen Grab unserer ermordeten Männer in Oberwart. Sie haben unser Roma-Doku im 19. Wiener Gemeindebezirk im Juni 1996 eröffnet und Sie haben mir das Goldene Verdienstzeichen der Republik Österreich und den Berufstitel Professor verliehen. Wir Roma und Sinti fanden bei Ihnen stets eine offene Tür für ein persönliches Gespräch. Ich danke Ihnen im Namen meiner Volksgruppe und wünsche Ihnen "Put pacht tei sastipe", was so viel heißt wie "Viel Glück und Gesundheit".

Sehr geehrte Damen und Herren, ich möchte mit den Worten des Herrn Bundespräsidenten schließen, die er bei der Eröffnung unseres Roma-Zentrums sprach. Ich zitiere: „Lasst uns in aller Verschiedenheit miteinander leben“.

 

BR-Präsident Weiss: Das neue Europa möge frei werden von Vorurteilen
Wortlaut der Rede bei der Gedenkveranstaltung im Parlament
Wien (pk) - Zum Abschluss der Gedenkveranstaltung sprach Bundesratspräsident Jürgen Weiss

Herr Bundespräsident! Meine Damen und Herren! Erinnerung ist nach Erich Fried, wie wir vorhin gehört haben, notwendig, weil sie ein wesentlicher Teil unserer Identität ist. Indem wir den Schmerz der Opfer vergegenwärtigen, können wir zwar nicht die Vergangenheit verändern, wohl aber in die Zukunft wirken. Jede Zeit – auch unsere - hat ihre eigenen Versuchungen, denen zu widerstehen ist und bei denen nach Karl Jaspers auch darauf zu achten ist, im Kampf mit dem Drachen nicht selbst zum Drachen zu werden.

Zwei Gruppen von Menschen sind es, die in der europäischen Geschichte der letzten Jahrhunderte vor allen anderen immer wieder gesellschaftlich verbreiteten Vorurteilen zum Opfer gefallen sind: Es sind dies zunächst die Juden, aber auch die Roma und Sinti. Seit sie im Spätmittelalter auf ihrer Wanderschaft in Mitteleuropa angelangt waren, finden sich Zeugnisse für das Misstrauen, das ihnen entgegenschlug, und oft sind die Verdächtigungen identisch mit jenen, denen auch die Juden ausgesetzt waren.

Karl Stojka beschrieb das so: „Genauso wie die andere große Gruppe der Außenseiter in Europa, die Juden, waren wir stets auf der Flucht vor der Vernichtung, sei es in Form der Anpassung oder der Gewalt. Die Juden haben ihren Trost und Zusammenhalt in der Religion gefunden, die Zigeuner in ihren Stammesverbänden, in ihrer Ordnung der Welt und der Natur.“

Vernichtung drohte den Roma und Sinti nicht nur durch physische Gewalt, sondern auch durch Assimilationsdruck. Gerade in der österreichischen Geschichte wird das besonders deutlich: War die Zeit bis zum 18. Jahrhundert von immer wieder spontan oder sogar aufgrund behördlicher Anordnung einsetzender Verfolgung geprägt, so suchte der aufgeklärte Absolutismus die Verfolgung zwar zu beenden, setzte an ihre Stelle jedoch die Zwangsassimilierung.

Die insbesondere im Burgenland, den damaligen westungarischen Komitaten, an den Ortsrändern angesiedelten Roma blieben sozial ausgegrenzt. Auch wenn sie ihre angestammte wandernde Lebensweise aufgegeben hatten, waren sie nach wie vor mit Misstrauen betrachtete Fremde, die ein Leben am Rande der Gesellschaft – nicht nur des Ortes - führen mussten.

Ebenso wie die Verfolgung und Vernichtung der Juden durch die nationalsozialistische Gewaltherrschaft nicht ohne die lange Tradition des Antisemitismus vorstellbar ist, so ist der Verfolgung und Vernichtung der Roma und Sinti durch die Nationalsozialisten eine jahrhundertealte Tradition von Vorurteilen vorangegangen. Dass es für diese bis heute keinen allgemeinen Begriff gibt, macht deutlich, dass auch nach dem Ende des Nationalsozialismus die Opfer unter den Roma und Sinti lange Zeit nicht oder kaum wahrgenommen worden sind. Sie sind die vergessenen Opfer geblieben; um so wichtiger ist der heutige Tag der Erinnerung.

Wenn wir die erschütternden Berichte der Geschwister Stojka über ihre Erlebnisse in Auschwitz-Birkenau, Ravensbrück, Bergen-Belsen oder Buchenwald lesen, dann fühlen wir uns auf erschreckende Weise an die Berichte jüdischer Überlebender aus den Konzentrationslagern erinnert: die ständige Angst vor der Gaskammer, die unmenschliche Behandlung, die Erschöpfung und im Hinterkopf doch die Hoffnung, zu überleben, die Fassungslosigkeit darüber, dass Menschen so grausam sein können, aber auch die Bewunderung für die Mutter, die für ihren Sohn verhungert, weil sie ihm heimlich ihre karge Ration überlässt.

Mongo Stojka schrieb: „Die Hölle, Weltuntergang, das ist es, was wir hier erleben. Das Grauen schleicht wie ein Nebel durch die Lager. Deshalb sterben Menschen auch ohne Giftgas und ohne Schläge.“

Die Leiden der Roma und Sinti in den Konzentrations- und Vernichtungslagern sind nicht weniger schrecklich gewesen als die irgendeiner anderen Gruppe von Opfern der Verfolgung. Und doch gab es einen Unterschied, der, als nach dem Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft an eine so genannte „Bewertung“ der Leiden gegangen wurde, spürbar werden sollte: Die Roma und Sinti hatten zumeist das schwarze Dreieck der „Asozialen“ auf ihrer KZ-Jacke getragen. Aus diesem Grund wurden sie zum Beispiel nach dem österreichischen Opferfürsorgegesetz lange Zeit nicht als Opfer „rassischer“ Verfolgung anerkannt. Ebenso wie die so genannten „Zigeunerlager“ nicht als Konzentrationslager galten; erst mehr als vier Jahrzehnte nach Kriegsende ist schließlich die rechtliche Gleichstellung erfolgt. So haben sich die Roma und Sinti nach 1945 erneut als gesellschaftliche Außenseiter wiedergefunden.

Bis heute weiß man nicht genau, wie viele österreichische Roma und Sinti der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zum Opfer gefallen sind. Wenn die heutigen Schätzungen davon ausgehen, dass mehr als 9.000 der rund 11.000 österreichischen Roma und Sinti ermordet worden sind, dann sind das Zahlen, die das individuelle Leid erahnen lassen – zugleich macht diese Zahl aber auch deutlich, wie schwer das Versäumnis wiegt, dieses Leid nicht in würdigerer Erinnerung behalten zu haben.

Nach 1945 waren die österreichschen Roma und Sinti den anderen aufgezeigten Formen der Vernichtung ausgesetzt: der Anpassung. Einer selbst gewählten Anpassung, weil insbesondere die jüngeren Roma und Sinti nur darin Hoffnung auf bessere Lebenschancen finden zu können glaubten. Wer es schaffte, die eigene Herkunft und die eigene Sprache hinter sich zu lassen, insbesondere in der Großstadt in der Mehrheitsbevölkerung aufzugehen, der erhoffte sich davon, nicht länger eine Existenz am Rande der Gesellschaft führen zu müssen. Viele schafften es nicht, blieben im Ghetto, hatten aber trotzdem das Selbstbewusstsein verloren, ein Rom oder ein Sinto zu sein.

Dass die Zahl derjenigen, die sich zu Romanes bekennen, bei der Volkszählung 2001 innerhalb von zehn Jahren österreichweit von 145 auf mehr als 6.000 angestiegen ist, kann aber wohl mit gutem Grund als Ausdruck einer Trendwende interpretiert werden, als Zeichen eines neu entstandenen Selbstbewusstseins. Dazu haben wohl verschiedene Faktoren beigetragen, die Einrichtung eines Volksgruppenbeirates für die Volksgruppe der Roma vor zehn Jahren war von herausragender Bedeutung.

Vielleicht weniger offensichtlich, aber atmosphärisch nicht weniger wichtig ist auch die veränderte Erinnerungskultur, die in Österreich insbesondere seit dem „Bedenkjahr 1988“ entstanden ist. Erst seither ist in Österreich jener Anteil an Schuld bewusst geworden, den Österreicher an den Verbrechen des Nationalsozialismus getragen haben, und erst seither ist, unterstützt auch durch berührende persönliche Berichte, das Leid, das den österreichischen Roma und Sinti zugefügt worden ist, tatsächlich bewusst geworden. Wenn Erinnerung Identität stiftet, dann hat die Erinnerung an Verfolgung, Leid und Vernichtung dazu beigetragen, dass die österreichischen Roma und Sinti ihre Identität bewahrt oder wieder gefunden haben.

Sprachliche, ethnische, kulturelle Vielfalt ist - heute wird es erkannt - unendlich bereichernd. Wenn die heutige Gedenkveranstaltung musikalisch von der Hans Samer-Band gestaltet worden ist, dann steht sie hier nur beispielhaft dafür, wie viele belebende Impulse insbesondere unsere Musik den Roma und Sinti verdankt. Was sie neben Wertschätzung ihrer kulturellen Tradition heute auch brauchen, ist eine verbesserte Existenzgrundlage, sind Bildungs- und Berufschancen, ist gesellschaftliche Integration ohne den Zwang zur Assimilation.

Unter allen ethnischen Minderheiten nehmen die Roma und Sinti eine ganz besondere Stellung ein. Nicht nur haben sie keinen Nationalstaat, der als „Schutzmacht“ für sie auftreten könnte, sie haben auch selbst nie einen Nationalstaat angestrebt; nie ist eine Art von „Nationalismus“ bekannt geworden. „Zigeuner haben niemals Kriege geführt“, schreibt Mongo Stojka in einem seiner Gedichte. Trotzdem sind sie zur Zielscheibe gehässiger Vorurteile geworden.

Lassen Sie uns, meine Damen und Herren, dazu beitragen, dass das neue Europa frei sei von Vorurteilen, dass es eine Gesellschaft gleichberechtigter Menschen werde, die ebenso stolz darauf sind, Europäer zu sein, wie sie stolz darauf sein können, ihre je eigene Sprache und Kultur zu leben und weiterzugeben.

Ihre Anwesenheit, meine Damen und Herren, in dieser Gedenkveranstaltung gegen Gewalt und Rassismus werte ich als Ausdruck Ihrer Bereitschaft, auch einen persönlichen Beitrag dazu zu leisten, und dafür möchte ich Ihnen gemeinsam mit dem Herrn Nationalratspräsidenten danken. Unser Dank gilt natürlich den Künstlerinnen und Künstlern, die an der Gestaltung dieser Gedenkveranstaltung mitgewirkt haben, den Mitgliedern der Hans Samer-Band sowie Frank Hoffmann und Christine Sztubics für ihre Lesung. - Ich danke für Ihr Engagement und Ihnen allen, meine Damen und Herren, für Ihre ehrende Aufmerksamkeit.
     
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