SPÖ-Parteitag  

erstellt am
30. 11. 04

 Gusenbauer: Die Regierung hat ihre Chance gehabt
Regierung will "viel für wenige, wenig für viele"
Wien (sk) - "Diese Regierung hat ihre Chance gehabt, sie hat sie verwirkt" - SPÖ-Vorsitzender Alfred Gusenbauer ging am Montag (28. 11.) in seiner Rede beim 38. ordentlichen Bundesparteitag der SPÖ mit der Regierung hart ins Gericht. Die Regierung kenne keine politische Moral, ihr fehle jedes Verständnis für die Rechte und Anliegen der Bürgerinnen und Bürger. "Die FPÖ verrät die kleinen Leute, die sie in ihren Sonntagsreden so gern beschwört. Die ÖVP verrät ihre - im guten Sinne - christlich-sozialen Wurzeln. Und beide bedienen sich lediglich ihrer jeweiligen Interessengruppen, frei nach dem Motto: viel für wenige, wenig für viele", so Gusenbauer.

Viereinhalb Jahre Schwarz-Blau habe eine "mehr als blamable Bilanz" vorzuweisen: die höchste Steuer- und Abgabenquote in der Geschichte der Zweiten Republik, ein im EU-Vergleich stark zurückfallendes Wachstum, die höchste Arbeitslosigkeit in der Zweiten Republik, sinkende Realeinkommen und Pensionen sowie schrumpfende Investitionen in Bildung, Forschung und Infrastruktur.

Die ÖVP wolle, dass die Menschen weniger verdienen, dass die Gewinne der Unternehmen steigen, dass unsere Heimat, unser gemeinsames Eigentum möglichst rasch und um jeden Preis verscherbelt wird, dass die sozialen Leistungen abgebaut werden. Dem stehe die SPÖ gegenüber: "Wir wollen, dass jede und jeder Arbeit hat und davon auch leben kann, dass jeder seinen solidarischen Beitrag zum Gemeinwohl leistet, dass wir sorgfältig und intelligent mit dem Besitz der Republik umgehen, dass der Sozialstaat moderner und gerechter wird."

Gusenbauer sieht in diesen unterschiedlichen Politikrichtungen eine Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Wertvorstellungen, einen Wettstreit zwischen zwei Antworten: Der neoliberale Weg der Regierung setze ausschließlich auf eine missverstandene ökonomische Effizienz, nämlich allein auf das möglichst wenig behinderte Wirken der Märkte und auf möglichst hohe Profite. Diese Richtung bevorzuge ein Menschenbild nach dem Muster "Jeder ist seines Glückes Schmied."

Die andere Antwort, jene der SPÖ, gehe davon aus, dass wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und soziale Gerechtigkeit miteinander vereinbar sind. "Das bedeutet, dass wir zwar alles tun, damit eine gesunde Wirtschaft gesellschaftlichen Reichtum erzeugen kann, dass wir aber gleichzeitig auch die Verteilung von Wohlstand und Lebenschancen sowie ein hohes Maß an sozialer Sicherheit im Blick haben." Die SPÖ mache es sich nicht so einfach, anzunehmen, wenn die Wirtschaft floriert, lösen sich alle anderen Fragen gleichsam wie von selbst.

Die Werte, die Bruno Kreisky formuliert hat, damit Österreich für alle Menschen eine gute Heimat ist, könne man auf die Gegenwart übertragen: dass möglichst alle Arbeit und einen gerechten Anteil am Erwirtschafteten bekommen, dass alle solidarisch abgesichert sind, wenn sie krank werden, einen Unfall haben, arbeitslos werden oder sie in Pension gehen.

Die SPÖ zeichne auch aus, dass sie sich für die Bedürfnisse und Ängste der Menschen interessiere und sie ernst nehme. "Wir müssen immer den direkten Kontakt mit all den Menschen suchen, für die und mit denen wir Politik machen wollen", sagte Gusenbauer. Dies sei auch das Geheimnis der Erfolge der SPÖ, verwies der SPÖ-Vorsitzende auf das große Vertrauen, das Michael Häupl, Hans Niessl, Gabi Burgstaller und Erich Haider genießen. In diesem Zusammenhang gratulierte Gusenbauer auch Heinz Fischer, der dem Amt des Bundespräsidenten sofort einen unverwechselbaren Stil verliehen habe.

Jeder Tag, an dem die Regierung früher geht, ist ein gewonnener Tag
Seine Kritik an der Regierung machte der SPÖ-Vorsitzende an einzelnen Ministern fest, etwa an Finanzminister Grasser, "der in Zeiten schwacher Konjunktur das Nulldefizit zum höchsten Ziel erklärt hat und jetzt eine rekordverdächtige Neuverschuldung zu verantworten hat"; an Bildungsministerin Gehrer, "die unserer Jugend die Zukunft nimmt, indem sie an Schulen und Universitäten unzumutbare Arbeitsbedingungen für Lernende, Lehrende und Forschende schafft"; an Wirtschafts- und Arbeitsminister Bartenstein, "dem die steigende Arbeitslosigkeit offensichtlich gleichgültig ist und der die Interessenvertretungen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer schwächen will"; an Sozialminister Haupt, "der eine so genannte Pensionsreform verschuldet, die keine gerechte Harmonisierung, dafür bereits heute Kürzungen für zwei Drittel der neu Pensionierten bringt".

Weiters kritisierte Gusenbauer Innenminister Strasser, "der von den Verfassungsrichtern zur Raison gebracht werden muss, weil seine Vorstellungen von Asylrecht oder Zivildienst nicht unseren demokratischen Regeln entsprechen". Gesundheitsministerin Rauch-Kallat wiederum, bringe keine Gesundheitsreform zustande - "außer dem Erhöhen von Selbstbehalten und dem Streichen von Zuschüssen zu Brillen und Kontaktlinsen". Die Gesamtverantwortung für diese "seine Truppe des Versagens" trage Kanzler Schüssel. Jeder Tag, an dem er und seine Leute früher ihre Ämter verlassen, sei ein gewonnener Tag für Österreich.

Die Regierung würden die Lebensbedingungen der Menschen in unserem Land nicht kümmern. "Sie sorgt sich lediglich um die Besitzstände ihrer Klientel, das zeigen viele Beispiele, von der Steuerreform bis zur angeblichen Pensionsharmonisierung", so Gusenbauer. "In beispielloser Abgehobenheit regieren sie über die Köpfe der Österreicherinnen und Österreicher hinweg."

Das würden die Menschen natürlich bemerken, sagte Gusenbauer. Er selbst sei kürzlich in Wiener Neustadt von einer Frau angesprochen worden. Sie verdient 565 Euro im Monat. Der Herr Grasser, habe sie gemeint, solle doch einmal für eine Zeitlang das Einkommen mit ihr tauschen, dann würde er besser wissen, was Abgaben und Selbstbehalte für Menschen wie sie bedeuten.

In dieses abgehobene Bild der Regierung passe auch das Schließen von Postämtern und Gendarmerieposten. Für viele Menschen gehöre diese Infrastruktur zu ihrem Lebensgefühl. Heimat sei nämlich nicht nur, wo man zuhause sei, sondern wo man sich zuhause fühle. "Wir lassen uns von dieser Bundesregierung nicht unsere Heimat nehmen", so Gusenbauer.

Kritik am Demokratieverständnis der Regierung
Heftige Kritik übte der SPÖ-Vorsitzende am Demokratieverständnis der Regierung. Bruno Kreisky habe einmal gesagt: "Macht ist innerhalb der Demokratie nur erträglich, wenn man das Gefühl hat, dass sie kontrolliert wird und dass man selbst an der Kontrolle indirekt mitwirkt." Die Regierung liege an der Weiterentwicklung der Demokratie allerdings nichts, verwies Gusenbauer auf die Verhandlungen im Österreich-Konvent für eine neue Verfassung. Dieser Konvent hätte die Chance geboten, mit einer modernen, zeitgemäßen Verfassung in das Jubiläumsjahr zu gehen und einen Schub der Öffnung und Demokratisierung vorzunehmen. All das scheitere aber letztlich daran, dass der Regierung jede Form der Auseinandersetzung, der Kritik, jedes Artikulieren von anderen Meinungen zutiefst zuwider sei. "Und deshalb betreibt sie, wo immer es ihr möglich ist, Selbstbeweihräucherung - da können wir uns im Jubiläumsjahr auf einiges gefasst machen."

"Wer ihre Machtausübung stört, soll mundtot gemacht werden", verwies Gusenbauer auf die parteipolitische Zusammensetzung des Hauptverbands der Sozialversicherungsträger, die Versuche, die Arbeiterkammer finanziell zu beschneiden und das geplante ÖH-Gesetz, das die Mehrheiten umdrehen soll.

Dies zeuge von einer "autoritären Haltung, die es in einer modernen Demokratie nicht geben darf", so Gusenbauer. Das Abblocken von stärkeren Minderheitsrechten im Parlament passe in dieses traurige Bild ebenso wie das würdelose Sesselkleben eines Finanzministers, der unter normalen Umständen längst hätte zurücktreten müssen.

Zwtl.: SPÖ muss solide und glaubhafte Alternative bieten
"Diese Bundesregierung geht nicht freiwillig", so Gusenbauer, "sie muss abgewählt werden." Deshalb müsse die SPÖ eine solide und glaubhafte Alternative bieten. Deshalb werde die SPÖ morgen im Rahmen des 38. ordentlichen Bundesparteitages ein Wirtschaftsprogramm, ein Bildungsprogramm und ein wohnpolitisches Programm präsentieren und diskutieren. Damit ergänze die SPÖ ihre bereits vorgelegten Konzepte, etwa die Alternativvorschläge zur Pensionsreform und den Entwurf für eine neue Verfassung.

Noch nie haben der gesellschaftliche, der ökonomische und der technologische Wandel ein derartiges Tempo erreicht wie heute. Manche Schätzungen gehen davon aus, dass 80 Prozent der heute im Einsatz befindlichen Technologie schon in zehn Jahren veraltet sein wird. Die Anforderungen am Arbeitsmarkt würden steigen, die Sorge, dass die Pensionen und die Gesundheitsversorgung nicht aufrecht erhalten werden kann, bestehe, Zuwanderung werde als Bedrohung wahrgenommen. Zukunftsangst führe nämlich in aller Regel dazu, dass man an Bestehendem möglichst wenig ändern will, dass man sich zurückzieht und abschottet. Hier sieht Gusenbauer "eine sehr große Herausforderung für die Politik.  
     
Alfred Gusenbauer wurde mit 88,93 Prozent der Delegiertenstimmen als SPÖ-Vorsitzender bestätigt.

 

 Molterer: SPÖ präsentiert sich als ideenarme Fundamentalopposition
Zwanghaft inszenierte Einigkeit am Parteitag kann über Orientierungslosigkeit nicht hinwegtäuschen
Wien (övp-pk) - "Fundamentalopposition, garniert mit Nervosität und Orientierungslosigkeit", so beschreibt ÖVP-Klubobmann Mag. Wilhelm Molterer das Bild, das die SPÖ heute, Montag, am Beginn ihres 38. Bundesparteitages in Wien abgibt. Die "zwanghaft zur Schau gestellte Einigkeit" könne nicht über die flächendeckende Orientierungsloigkeit der letzten Monate hinwegtäuschen.

Molterer erinnerte Gusenbauer an die "durchaus beeindruckende Halbzeitbilanz, die diese Bundesregierung vor kurzem vorgelegt" habe. Als Beispiele nannte er die Pensionssicherungsreform, verschiedene Beschäftigungsmaßnahmen, die erste Etappe der Steuerreform und die ÖBB-Reform. "Auch das neue ÖH-Gesetz ist in diesem Zusammenhang zu erwähnen, weil es die einzelnen Universitätsvertretungen stärkt", so Molterer. Wenn Gusenbauer heute erneut von Demokratieabbau spreche, wisse er entweder nicht besser Bescheid oder er betreibe bewusst Stimmungsmache. Außerdem bedachte Molterer Gusenbauers Ausführungen zur Bildungspolitik mit der Bemerkung, dass es in diesem Bereich sicher mehr brauche als die ewig wiederkehrende Forderung nach Ganztags- und Gesamtschule. "Bildungsministerin Elisabeth Gehrer hat richtig festgehalten, dass es in diesem Bereich mehr benötigt als Rezepte der Vergangenheit. Mit Retropolitik werden wir die Zukunft nicht gestalten können", so Molterer.

Bezüglich des SPÖ-Wirtschaftsprogramms, das im Rahmen des Parteitages diskutiert werde, merkte Molterer an, dass von den 144 Maßnahmen die angedacht werden, 66, also nahezu die Hälfte, von der Bundesregierung entweder längst umgesetzt worden seien oder sich gerade in Umsetzung befänden. Der ÖVP-Klubobmann wies darauf hin, dass die SPÖ in den letzten Monaten nicht nur beim Wirtschaftsprogramm, sondern auch bei Finanzausgleich und der Frage der EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei eine klare Linie vermissen habe lassen. "Und in der wichtigen Sache des Österreich- Konvents haben SPÖ-Vertreter wiederholt versucht, diese auf tagespolitische Auseinandersetzungen herunterzubrechen."

Daher sei es wenig verwunderlich, wenn die SPÖ nun versuche, mit Fundamentalopposition und Schlechtmachen der Regierungsarbeit von der eigenen Orientierungslosigkeit abzulenken, so Molterer abschließend. 

 

Scheuch: SPÖ-Parteitag unter dem Motto "Startklar zum roten Raunzen"
Schimpforgien der Sonderklasse
Wien (fpd) - Statt visionärer Ideen für Österreich gebe es von der SPÖ bei ihrem Parteitag nur Schimpforgien der Sonderklasse, sagte FPÖ-Generalsekretär Uwe Scheuch. Offenbar stehe der Parteitag unter dem Motto "Startklar zum roten Raunzen".

Die SPÖ käme mit ihrem Machtverlust anscheinend immer noch nicht zu Rande, diagnostizierte Scheuch. Sie habe als Regierungspartei versagt, und seit vier Jahren versage sie auch als Oppositionspartei. Statt Inhalten und Sachargumenten präsentierten Gusenbauer, Häupl und Co. nur Schimpftiraden auf niedrigstem Niveau. 
       
zurück