Die Prioritäten der EU-Ratspräsidentschaft Ungarns
Wien (pk) - Mit Beginn dieses Jahres hat Ungarn die Ratspräsidentschaft in der Europäischen
Union übernommen. Welche europapolitischen Schwerpunkte das Nachbarland dabei setzten wird, erläuterte
der Botschafter Ungarns in Wien, Vince Szalay-Bobrovniczky, österreichischen Parlamentariern am Nachmittag
des 18.01. im Parlament. Zweiter Nationalratspräsident Fritz Neugebauer leitete die Veranstaltung, an der
die Abgeordneten Christine Muttonen (S), Wolfgang Schüssel (V), Johannes Hübner (F), Alexander Van der
Bellen (G) und Ewald Stadler (B) teilnahmen.
Grundsätzlich wird die ungarische Ratspräsidentschaft auf der Basis des gemeinsamen Programms der Präsidentschaften
Spanien-Belgien-Ungarn weiterarbeiten, führte der Botschafter einleitend aus und stellte fest, dass die Europäische
Union in den nächsten Monaten im Zeichen der Umsetzung des Vertrages von Lissabon stehen werde. So soll nach
der politischen Einigung mit dem Europäischen Parlament im Jahr 2010 die Europäische Bürgerinitiative
angenommen werden. Die Administration des Europäischen Auswärtigen Dienstes wird fertiggestellt, sodass
in den außenpolitischen Ratsarbeitsgruppen nach und nach Vorsitzende aus dem Europäischen Auswärtigen
Dienst ihre Positionen einnehmen können.
Mehr Jobs, weniger Armut und eine wettbewerbsfähige Wirtschaft
Als erste politische Priorität der ungarischen EU-Ratspräsidentschaft nannte Botschafter Szalay-Bobroviczky
Wachstum und Beschäftigung und die Stärkung des sozialen Zusammenhalts. Als Schwerpunkte listete der
Diplomat die Schaffung neuer Arbeitsplätze, Innovation, Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit, Kampf
gegen die Kinderarmut und Integration der Roma auf. Im Rahmen der "Europa 2020 Strategie" soll die Implementierung
der nationalen Reformprogramme evaluiert werden. Ungarn will Initiativen für eine Europäische Plattform
zur Bekämpfung der Armut setzen und für ein ressourcenschonendes Europa eintreten. Der Binnenmarkt soll
durch den Abbau bestehender Barrieren, die Förderung der KMU und durch einen einheitlichen Patentschutz vertieft
werden.
Mehr Europa, nicht weniger Europa
Zweitens tritt Ungarn für ein starkes Europa mit starken Institutionen und für einen starken Euro ein.
Denn die richtige Antwort auf die aktuellen Herausforderungen sieht Ungarn nicht in weniger, sondern mehr Europa.
Hauptaufgaben der Union seien daher die Einrichtung des Europäischen Stabilitätsmechanismus, die Festigung
der wirtschaftpolitischen Koordination und eine stärkere Kontrolle der Fiskaldisziplin. Die Gemeinsame Agrarpolitik
soll überprüft und eine gemeinsame Wasserpolitik ausgestaltet werden. Ein gemeinsamer europäischer
Energiemarktes soll geschaffen, die Energiequellen diversifiziert und der Energiesektor insgesamt nachhaltiger
werden. Zu diesem Thema wird Anfang Februar 2011 ein großer Energiegipfel in Budapest abgehalten werden.
Unter ungarischem Vorsitz soll auch die "Donauraumstrategie" in Angriff genommen werden. Kohäsionspolitik
soll das Entwicklungsgefälle zwischen den Regionen und Mitgliedstaaten verringern. Dazu kommen Bemühungen
zur Einrichtung eines europäischen Forschungsraumes.
Eine bürgerfreundliche Union
Drittens zielt die ungarische Ratspräsidentschaft auf eine bürgernahe Union, vor allem bei der Umsetzung
des Stockholmer Programms und beim Schutz der Grundrechte. Die Implementierung der Grundrechtscharta soll bewertet
und die Schengen-Zone nach Erfüllung der Kriterien von Seiten Rumäniens und Bulgariens erweitert werden.
Im Sinne der kulturellen Vielfalt soll ein EU-Arbeitsplan für Kultur verabschiedet und zivilgesellschaftliche
Initiativen unterstützt werden.
Ungarn will EU-Erweiterung vorantreiben
Viertens will Ungarn den Erweiterungsprozess vorantreiben, rasche Fortschritte in den Verhandlungen mit Kroatien
erzielen und die Integrationsperspektive auch der anderen Länder am Westbalkan stärken. Die Beitrittsverhandlungen
mit der Türkei will Ungarn nach dem Grundsatz "offene Verhandlungen mit offenem Ende" aufrecht erhalten.
In der Europäischen Nachbarschaftspolitik bildet der Gipfel der Östlichen Partnerschaft im kommenden
Mai in Budapest einen Höhepunkt. Ungarn will die Beziehungen zwischen der EU und den Nicht-EU-Mitgliedern
in der östlichen Partnerschaft unter Rücksichtnahme auf die individuellen Bedürfnisse der einzelnen
Länder stärken. Stärken will Ungarn auch die Euro-Mediterrane Partnerschaft, teilte Botschafter
Szalay-Bobrovniczky mit. |