8. November bis 3. Dezember 2011 in der Fotogalerie Wien im WUK
Wien (fotogalerie wien) In der Ausstellung REAL werden künstlerische Positionen präsentiert,
die sich „dokumentarisch“ mit dem Thema „Lebensraum“ auseinandersetzen. Im Zentrum stehen Personen und ihre Lebensbedingungen,
ihr soziales Umfeld und Hintergrund sowie persönliche Wunschvorstellungen, Reflexionen und Utopien.
In den Arbeiten geht es um persönliche „Erinnerungs“-Räume wie das eigene Zuhause, sozial prekäre
Orte, die auf gesellschaftliche Systeme und Phänomene schließen lassen, oder auch um inszenierte, virtuelle
Wunschwelten. Die objektive Darstellung von Realität wird durch die modellhafte, abstrakte und fragmentarische
Rekonstruktion der Lebensräume und den starken emotionalen Aspekt von Seiten der KünstlerInnen auf eine
neue Ebene gehoben. Die suggestive Kraft von Räumen zeigt sich in fotografischen Neuinszenierungen und Rekonstruktionen
der Realität.
Der in New York geborene und seit den 1970er-Jahren in Südafrika lebende Roger Ballen, bekannt
durch seine Serien von weißen Außenseitern, begreift seine Fotografien immer auch als psychologische
Befragung des eigenen Ichs. In den beiden Serien Outland (2001) und Shadow Chamber (2005) die er in der Fotogalerie
Wien präsentiert, tritt seine Faszination am Grotesken und Abgründigen zu Tage. Auf der „Suche nach dem
Verborgenen“ setzt er Menschen, Tiere und/oder Objekte in eine surreale und gleichzeitig sehr emotional ausgerichtete
Beziehung und inszeniert somit Raumsituationen mit psychologischer Tiefenwirkung. Durch die Wahl der Schwarzweiß-Fotografie
erreicht Ballen eine zusätzliche Abstraktion der Wirklichkeit.
Die Künstlerin Ilse Chlan hat in Zusammenarbeit mit der Radiomacherin Elise Penzias das 3-Kanal-Video
utopie freiheit:privat (2005) über die in den 1970er-Jahren am Stadtrand von Wien von Architekt Anton Schweighofer
gebaute „Stadt des Kindes“ realisiert. Dieses innovative, demokratische, in der Erziehung antiautoritär ausgerichtete
und zur Umgebung hin offene Wohnmodell wurde 2002 geschlossen und in Folge zum größten Teil abgerissen:
die Freiheit – eine Utopie? Der Ort fungiert als Projektionsfläche gesellschaftlicher Veränderungen.
„Mit beschleunigtem Schritt“ wurden zwei Videos in zwei menschenleeren Häusern des ehemaligen Kinderheims
gefilmt. Spuren der früheren BewohnerInnen werden hier flüchtig sichtbar. In einem weiteren Video kommen
„mit verlangsamtem Blick“ ehemalige BewohnerInnen, SozialpädagogInnen und der Architekt zu Wort.
Stefan Feiner (Wien) zeigt in der Arbeit Termination I-VI (2011) inszenierte Architekturfotografien. Ausgangspunkt
sind die Erinnerungen an sein Zuhause, das infolge der Trennung der Eltern verloren gegangen ist. Diese Erinnerungsräume
(re)konstruiert er als Modelle, die in ihrer Einfachheit und Unabgeschlossenheit als solche erkennbar sind, und
fotografiert sie. Es geht ihm nicht darum, die Räume realistisch wiederzugeben, sondern um eine Objektivierung
des von ihm Erinnerten. Den dargestellten Situationen liegen verstörende Ereignisse zu Grunde. Die knappen
Titel geben Aufschluss über das im Bild schon Geschehene, z.B. einen Vorfall mit seiner Mutter, die im Zimmer
seines Bruders nach Drogen gesucht hat: His room she turned upside down. In dieser Arbeit, in der Vergangenheit
und Gegenwart verknüpft werden, geht es um Affirmation und gleichzeitig um Verdrängung von Erinnerung,
um Distanz und Nähe, um Rückkehr und Flucht.
In seinem Film They untersucht Karl-Heinz Klopf die widersprüchlichen und oft undurchsichtigen
Strukturen von realen Vorgängen. Der Film erzählt von einem Stadtgebiet in Liverpool, das als Folge von
Werftschließungen, Arbeitslosigkeit, Abwanderung und Grundstücksspekulation die einstmals betriebsame
Gegend in eine Geisterstadt verwandelt und das soziale Gefüge seiner BewohnerInnen zerstört hat. Die
verbliebenen Menschen kämpfen um den Zusammenhalt ihrer Gemeinden und sind gleichzeitig auf der Suche nach
neuer Identität und besseren Bedingungen. They setzt sich präzise mit diesem Themenkomplex auseinander,
entwickelt aber gleichzeitig auch eine eigene Narration, die bis zur Abstraktion führt.
Reiner Riedler (Wien). Seine Fotoserie Fake Holidays beschäftigt sich mit von der Entertainment-Industrie
geschaffenen, künstlich kreierten Freizeitparadiesen, in denen Erlebnis und Abenteuer als Ware angeboten werden.
In diesen oft aufwändig konstruierten Welten vermischen sich Realität und Simulation, „echte“ und „künstliche“
Natur zu hyperrealen Kulissenlandschaften. Es entstehen künstliche Räume, "Kulissen des Glücks",
die „schön“, ungefährlich und praktisch sind und, so verspricht es die Werbung, oft „realistischer“ sind
als die Wirklichkeit. Diese Scheinwelten spiegeln die medial beeinflussten Sehnsüchte und Träume vieler
Menschen wider. Anstatt nach der Verwirklichung eigener Ideen und Wünsche zu streben, werden von den Medien
suggerierte Sehnsüchte im Instant-Verfahren konsumiert und gelebt.
Eva Würdinger (Wien) hat in Form einer „topologischen Feldforschung“ den ehemaligen Jugendgerichtshofs,
den es seit den 1920er-Jahren im 3. Bezirk in Wien gab und der 2003 unter großen Protesten – da somit keine
jugendspezifische Betreuung mehr gewährleistet war – geschlossen wurde, fotografiert. Eva Würdingers
Arbeit Jugendgericht (2006) geht weit über das Dokumentarische hinaus, da sie einfühlsam die Atmosphäre
der leeren Räume eingefangen hat: Die Spuren und räumlichen Konstruktionen weisen auf die Jugendlichen
und ihr von Langeweile, Überwachung und Disziplin geprägtes Leben, auf das staatliche System und seine
Machtstrukturen sowie auf die Tristesse eines verlassenen Ortes. Von den ehemaligen Inhaftierten sind die Graffiti
mit Bildern und Symbolen aus ihrem Leben als eine Art Tagebuch zurückgeblieben – Spuren eines kollektiven
Gedächtnisses.
Petra Noll im Namen des Kollektivs
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