Sozialleistungen haben eminent stabilisierende Funktion - Einsparungen
nicht auf Kosten des Sozialstaates - nicht bei den Ärmsten sparen
Wien (bmask) - Rund eine Million Menschen haben ein Pro-Kopf-Haushaltseinkommen unter der Armuntsgefährdungsschwelle,
die 2010 in Österreich bei 1.031 Euro monatlich (Jahreszwölftel) liegt. Rund die Hälfte der armutsgefährdeten
Menschen (511.000) wird als "manifest arm" bezeichnet. Das geht aus den EU-SILC-Daten hervor, die jährlich
in allen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union erhoben werden und die Einkommens- und Lebensbedingungen
in Österreich beschreiben. "Trotz des wegen der generellen Einkommenssteigerung auch ansteigenden Armutsschwellenwertes,
ist die Zahl der Armutsgefährdeten stabil geblieben. Dies zeigt, dass die meisten Armutsgefährdeten real
mehr Geld zur Verfügung haben. Möglich war dies vor allem wegen der 2008 beschlossenen Steuerreform,
der Lohnabschlüsse und beschäftigungspolitischer Maßnahmen. Die Konsolidierung des Staatshaushaltes
kann daher nicht auf Kosten des Sozialstaates gehen. Wir dürfen nicht bei den Ärmsten sparen", unterstrich
Sozialminister Rudolf Hundstorfer.
Die Sozialleistungen haben besonders in wirtschaftlich schlechten Zeiten eine eminent stabilisierende Funktion
und sind von größter Wichtigkeit. Ohne Sozialleistungen wäre die Armutsgefährdungsquote beinahe
viermal so hoch und sie läge nicht bei 12,1 Prozent, sondern bei 43 Prozent, erläuterte der Sozialminister.
"Die Sozialleistungen gehen überwiegend in den Konsum und stabilisieren damit die Wirtschaft gerade in
Krisenzeiten. Jede Person profitiert in den einzelnen Lebensabschnitten vom System der sozialen Sicherheit, ob
als Kind, Erwachsener oder in der Pension", so Hundstorfer.
Arbeits- und Erwerbslosigkeit ist eine wesentliche Ursache für Armutsgefährdung. Erwerbstätigkeit
reduziert bei Personen im erwerbsfähigen Alter das Armutsgefährdungsrisiko von 18 Prozent auf vier Prozent.
Mehr als ein Viertel der Haushalte mit langzeitarbeitslosen Personen sind armutsgefährdet (28 Prozent). "Die
wichtigste Maßnahme um Armut zu verhindern, ist daher ein Arbeitsplatz mit adäquater Entlohnung",
unterstrich der Sozialminister.
Der armutsmindernde Effekt von Erwerbstätigkeit zeigt sich u.a. in Haushalten mit Kindern. Durch die Erwerbstätigkeit
der Mutter wird die Armutsgefährdung - verglichen mit Nichterwerbstätigkeit - stark reduziert: bei Haushalten
mit einem Kind von 19 Prozent auf 4 Prozent, bei Haushalten mit zwei Kindern von 20 Prozent auf 11 Prozent, bei
Haushalten mit drei und mehr Kindern von 33 Prozent auf 8 Prozent und bei Ein-Elternhaushalten von 63 Prozent auf
28 Prozent. Eine höhere Erwerbsbeteiligung von Müttern senkt nicht nur die Armutsgefährdung von
Familien mit Kindern, sie ermöglicht Frauen u.a. auch eine bessere Absicherung bei Sozialrisken und im Alter,
erläuterte der Minister.
Der Bildungs- und Ausbildungsstand ist ein weiterer wesentlicher Einflussfaktor für Armutsgefährdung.
Je höher der Bildungsgrad, desto geringer ist die Armutsgefährdungsquote. Personen ab 16 Jahren mit maximal
Pflichtschulabschluss sind mehr als doppelt so stark armutsgefährdet (21 Prozent) wie Personen mit einem über
die Pflichtschule hinausreichenden Bildungsabschluss (z.B. Lehre/mittlere Schule: acht Prozent). Bestimmte Haushaltskonstellationen
gehen mit erhöhter Armutsgefährdung einher: Haushalte mit ausländischen Mitgliedern (30 Prozent)
bzw. Eingebürgerten (24 Prozent); Ein-Eltern-Haushalte: 28 Prozent; alleinlebende Frauen - Pensionistinnen
mit 26 Prozent, weibliche Singles ohne Pension: 24 Prozent; Haushalte mit Menschen mit Behinderung: 13 Prozent.
Erstmals liegt die Armutsgefährdungsschwelle seit Erhebung der Haushaltseinkommen in Österreich mit 1.031
Euro über der 1.000 Euro-Marke (=Jahreszwölftel; das Jahresvierzehntel liegt bei 884 Euro). Österreich
hat nun die zweithöchste Armutsgefährdungsschwelle in der EU (nur Luxemburg hat eine höhere). Die
Erhebung wird im Auftrag der EU und des BMASK von Statistik Austria durchgeführt. 2010 wurden 6.193 Haushalte
mit rd. 14.100 Personen befragt. |