Wien (mqw) - Auf der Suche nach möglichen Formen aktueller Lebensmodelle zeigt die Ausstellung "Places
of Transition" im freiraum quartier21 INTERNATIONAL eine Reihe internationaler Arbeiten, die visuelle und
diskursive Möglichkeiten eines ortsspezifischen Wandels untersuchen. Vorwiegend anhand von Foto- und Videoinstallationen
werden Prozesse der Veränderung thematisiert, womit in narrativer Form auf globale Veränderungen der
letzten Jahre und Jahrzehnte eingegangen wird. Kuratiert wird die Ausstellung von der Multimedia-Künstlerin
und Kulturtheoretikerin Gülsen Bal sowie dem Künstler und Kurator Walter Seidl, Eröffnung ist am
23. Jänner um 19 Uhr.
"'Places of Transition' eröffnet das Ausstellungsjahr im freiraum quartier21 INTERNATIONAL, im Rahmen
dessen drei große Ausstellungen in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für europäische und
internationale Angelegenheiten geplant sind. Ich freue mich, den BesucherInnen damit wieder unterschiedliche künstlerische
Ansätze zu aktuellen Themen präsentieren zu können", so Dr. Christian Strasser, Direktor MuseumsQuartier
Wien.
Die unterschiedlichen Herangehensweisen an transnationale Fragen über gemeinsame Formen der Interaktion bedingen
eine Untersuchung globaler Machtstrukturen. Während die Ost-West-Problematik in Europa allmählich im
Verschwinden begriffen ist, haben die Machtkämpfe im Nahen Osten die Aufbruchstimmung des Arabischen Frühlings
zurückgeworfen und eine Debatte über politische Übergangsformen auf internationaler Ebene ausgelöst.
In dieser Hinsicht widmet sich die Ausstellung der Problematik unterschiedlicher Territorien und der Frage, wie
diese anhand einer gemeinsamen Kritik an politisch dominanten Erzählungen und Bestimmungen verlinkt werden
können. Weiters werden unterschiedliche Stufen gelebter Erfahrungen des Selbst reflektiert und eigene sowie
fremde Blickregime analysiert. Die eingeladenen KünstlerInnen behandeln die einzelnen Themen oftmals in Hinsicht
auf die Situation in ihrem eigenen Land, wodurch die Ausstellung unterschiedliche Blickweisen in politischer Hinsicht
ermöglicht.
"Kunst muss radikale Forderungen an die Gesellschaft stellen, um diese voranzutreiben", so die KuratorInnen
der Ausstellung Gülsen Bal und Walter Seidl.
Weiters stellt sich in der Ausstellung die Frage, wie Künstlerlnnen mit gewissen Traditionen in ihren Ländern
umgehen. Trotz einer persönlichen Tendenz zu einem laizistischen Lebensmodell untersuchen viele KünstlerInnen
länderspezifische Modelle, die in ihren Arbeiten wiederum radikal gebrochen werden. Das Resultat bilden kritische
Aussagen über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die neue Denkansätze bewirken können.
Dies wird zum Beispiel in der Videoinstallation von Oliver Ressler sichtbar. Der Film "Socialism Failed, Capitalism
is Bankrupt. What comes Next?" wurde 2010 im größten Bazar von Jerewan aufgenommen, der "Bangladesch"
genannt wird. Im Film erzählen die Kaufleute des Markts von ihrem Kampf ums Überleben in der Krise eines
post-sozialistischen Staates, in dem der Großteil aller Fabriken der Sowjetzeit geschlossen und das soziale
Sicherheitsnetz aufgelöst wurde.
Auch die Video- und Fotoarbeit von Milica Tomic bezieht sich auf eine sehr persönliche Situation. "Portrait
of My Mother" (1999) entstand in den Tagen nach den Nato-Bombardements auf Belgrad. Tomic thematisiert die
komplexen Beziehungen zwischen dem Trauma der verlorenen jugoslawischen Moderne und den neuen Identitätspolitiken
der Milosevic Jahre.
Akram Zaataris Video "Tomorrow Everything will be Alright" wiederum setzt sich auf einer sehr persönlichen
Ebene mit Formen des Übergangs auseinander. Zwei ehemalige Liebhaber führen eine Unterhaltung, nachdem
sie sich vor 10 Jahren getrennt hatten, und gestehen einander, dass sie das Verlangen danach spüren, sich
wieder zu sehen. Die Worte, die sie dabei wechseln, werden jedoch auf einer klassischen Schreibmaschine geschrieben,
wodurch BetrachterInnen dazu angeregt sind, diese sehr persönliche und poetische Konversation mitzulesen.
Marco Poloni bezieht sich in seiner Multimediainstallation "Monika Ertl's Pistol" auf historische Gegebenheiten.
Nach Mutmaßungen ermordete die Untergrundkämpferin Monika Ertl 1971 den Konsul Roberto Quintanilla Pereira
im bolivianischen Generalkonsulat in Hamburg. Für die Tat wurde eine Pistole aus dem Besitz des italienischen
Verlegers Giangiacomo Feltrinelli benutzt, der auch unter dem Codenamen Osvaldo bekannt war.
Libia Castro & Ólafur Ólafsson zeigen eine sieben Meter lange Neonschrift-Installation mit der
Phrase: "Dein Land existiert nicht". Mit dieser Aussage beziehen sie sich auf gegenwärtige Migrationsbewegungen,
die aufgrund von politischen, wirtschaftlichen oder professionellen Gründen stattfinden können. Die Auflösung
nationalstaatlicher Gebilde hinsichtlich globaler, neoliberaler Strukturen hinterfragt die Thematik von länderspezifischen
Strukturen, die gleichzeitig einen Pluralismus an ethnischem und kulturellem Bewusstsein einfordern.
Santiago Sierra zeigt in dem Video "Burned Word", wie das Wort "Future" öffentlich verbrannt
wird. Das Video wurde 2012 in El Cabanyal, einem historischen Stadtteil und Fischerviertel von Valencia verwirklicht,
das sich von dem Entwurf einer neuen, städtedurchquerenden Allee bedroht sieht.
Asli Çavusoglus audio-visuelle Installation "191/205" bezieht sich auf die Tatsache, dass 1985
die Generaldirektion der Türkischen Radio- und Fernsehgesellschaft TRT 205 Wörter in Fernseh- und Radiosendungen
untersagte, weil diese angeblich nichts mit der türkischen Sprache zu tun hatten bzw. nicht dem allgemeinen
türkischen Standard entsprachen.
Einige der KünstlerInnen sind im Rahmen der Ausstellung Artists-in-Residence des quartier21/MuseumsQuartier:
so wird der bulgarische Künstler Vikenti Komitski vor Ort eine neue Arbeit produzieren. Vikenti Komitskis
Arbeiten setzen sich mit Readymades auseinander und der Art und Weise, wie diese andere Objekte und Ideen beeinflussen.
Dies kann manchmal auch zu einem kritischen Statement über die Funktion von Kunstwerken per se führen.
Köken Ergun wird ebenso eine speziell für das MQ adaptierte Version einer seiner Arbeiten zeigen. Seine
Arbeiten beziehen sich auf streng politisch und religiös artikulierte Positionen und die sozialen Reaktionen
darauf. Besonderes Augenmerk wird hierbei auf soziale Widersprüche gelegt.
Die Ausstellung wird zudem von einem Rahmenprogramm mit Lectures, Performances sowie einem Kinderworkshop begleitet.
KünstlerInnen
Libia Castro (ES)* & Ólafur Ólafsson (IS)*, Köken Ergün (TR)*, Vikenti Komitski (BG)*,
Asli Çavusoglu (TR), Marco Poloni (CH), Oliver Ressler (AT), Milica Tomic (SRB), Santiago Sierra (ES), Akram
Zaatari (LB) *Artists-in-Residence des quartier21/MuseumsQuartier
"Places of Transition" wird in Kooperation mit dem Bundesministerium für europäische und internationale
Angelegenheiten organisiert.
Places of Transition
Dauer: 24.01. bis 13.03.2014, Di bis So 13-19h
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