Wieviel Geld braucht Wirtschaftswachstum?
Wien (erste bank) - Die Zukunft des Kreditgeschäfts wird oft in Zusammenhang mit einer vermeintlichen
Kreditklemme thematisiert. Erste Bank und Sparkassen sehen die Ursache für schwaches Kreditwachstum in der
Zurückhaltung der Kreditnehmer. Eine Studie von Macro-Consult im Auftrag von Erste Bank und Sparkassen zeigt,
dass es vor der Finanzkrise 1,1% Kreditwachstum für die Produktion von 1% BIP-Wachstum benötigte. Heute
sind es nur mehr 0,3%. Die Ursachen liegen an der guten Cashflow-Situation, und nach wie vor verhaltener Investitionslaune
der Unternehmen sowie am gestiegenen Anleihenmarkt. Der Bankkredit spielt nach wie vor eine dominante Rolle. 71%
aller Fremdfinanzierungen werden über Kredite gedeckt.
Neuer Schwung für Österreichs Wirtschaft
Die globale Finanz- und Staatsschuldenkrise ist noch nicht vollständig, aber immerhin einigermaßen
überwunden. Nach gedämpftem Wirtschaftswachstum im Vorjahr (+0,4% real) ist für 2014 und 2015 leichtes
Wachstum zu erwarten: Das BIP soll im Jahr 2014 um 1,7% und im Jahr 2015 um 2% wachsen, der Warenexport soll sich
um rund 5% in beiden Jahren erhöhen und die Investitionen um 4% steigen. Der private Konsum sollte im Jahr
2014 um 0,8% und im Jahr 2015 um 1,1% verhalten expandieren. Der Preisanstieg wird mit rund 1,8% (2014) und 1,9%
(2015) laut WIFO und IHS wohl im derzeitigen Rahmen bleiben.
Die Perspektiven für die Arbeitslosenrate sind unterschiedlich. WIFO prognostiziert einen Anstieg auf 5,3%
im Jahr 2015 (2013: 4,9%), IHS und die Europäische Kommission hingegen einen Rückgang auf 4,7%.
Unternehmen setzen ihren Schwerpunkt auf Bankkredite und Anleihen
Insgesamt lagen die gesamten Verpflichtungen (Passiva), also Eigenkapital und Fremdkapital, der österreichischen
Unternehmen im 4. Quartal 2013 bei knapp 752 Mrd. Euro. Im Bereich Fremdfinanzierung setzten Unternehmen ihren
Schwerpunkt auf langfristige Bankkredite. Diese beliefen sich auf 224,3 Mrd. Euro und machten 58,6% der Fremdfinanzierung
aus. Auf kurzfristige Kredite mit 47,1 Mrd. Euro setzen 12,2%. Das heißt insgesamt 71% aller Fremdfinanzierungen
werden über Bankkredite abgedeckt. Außerdem gewannen Unternehmensanleihen in den letzten 15 Jahren zunehmend
an Bedeutung: Waren es im Jahr 2000 noch 17,4 Mrd. Euro Anleihefinanzierung, stieg der Betrag bis 2013 bereits
auf 64,3 Mrd. Euro an. Der Bereich Eigenfinanzierung belief sich auf gesamt 368,9 Mrd. Euro bzw. 49,1%. Den größten
Teil davon machten mit 368,9 Mrd. Euro sonstige Anteilspapiere (GmbH-Anteile und Aktien) aus.
Aufgrund guter Cash-Flow Situation der Unternehmen und des Anleihenmarkt braucht es derzeit noch deutlich weniger
Kreditwachstum für Wirtschaftswachstum
Die gute Einlagensituation und der strukturelle Wandel der Gesellschaft durch die Globalisierung und Digitalisierung
aller Lebensbereiche bewirkten einen bemerkenswerten Bruch im Verhältnis zwischen Kredit- und Wirtschaftswachstum.
Die Elastizität der Kredite zum Bruttoinlandsprodukt – also das Verhältnis von Kreditwachstum zu Wachstum
des Bruttoinlandprodukts - sank in den letzten fünf Jahren von 1,1% auf 0,3% - das ist eine Abnahme von zwei
Dritteln. Das bedeutet, zum Wirtschaftswachstum von 1% BIP braucht es heute nicht mehr wie vor 5 Jahren 1,1% Kreditwachstum,
sondern nur mehr 0,3%. Das schwache Kreditwachstum ist kein Ergebnis einer Kreditklemme, sondern das Ergebnis von
mangelnder Nachfrage.
„Das ist eine Momentaufnahme und wird sicher nicht so bleiben. Alle warten auf den großen Aufschwung aber
die Investitionslust ist noch gedämpft. Die Türen werden uns von den Unternehmen noch nicht eingerannt.
Aber im ersten Quartal 2014 haben wir bereits um fast 15% mehr Frischkredite als im Vergleichszeitraum des letzten
Jahres vergeben. Unsere Türen stehen weit offen, wir haben den absoluten Willen zum Finanzieren“, so Peter
Bosek. Die Sparkassengruppe hat im ersten Quartal 2014 2.25 Mrd. Euro an neue Kredite (ohne Haftungen) vergeben
im Vorjahr waren es im Vergleichszeitraum 1.97 Mrd. Euro.
Auf Seiten der privaten Haushalte wird die Kreditnachfrage durch die schwache Entwicklung des Einkommens und die
steigende Arbeitslosigkeit gebremst. Bei Unternehmen geht die verhaltene Kreditnachfrage derzeit vor allem auf
die gute Cash Flow Situation und die Eigenfinanzierungskraft der Unternehmen zurück. Außerdem nehmen
große Unternehmen verstärkt Anleihefinanzierungen oder Schuldscheindarlehen in Anspruch.
Mit zunehmendem Wirtschaftswachstum ist auch ein Anstieg des Kreditvolumens zu erwarten
Ausgehend von einem prognostizierten nominellen Wirtschaftswachstum für 2014 von 3,1% und einer Elastizität
von 0,3% errechnet sich für 2014 ein Kreditwachstum von 1,0% nach einem Rückgang um 1,3% im Vorjahr.
Das Wachstum des Kreditvolumens sollte sich im Jahr 2015 auf 1,7% beschleunigen. Noch deutlich stärkeres Wachstum
wird in beiden Jahren für die Unternehmenskredite erwartet (2,6% bzw. 3,6%).
Kreditkonditionen sind derzeit besonders günstig
Peter Bosek: „Die Kreditklemme gibt es nicht, das ist kompletter Unfug, die Sparkassen wollen und werden zum
Wirtschaftsaufschwung einen Beitrag liefern und sich verstärkt in der Unternehmensfinanzierung engagieren.“
Die Marktanteile des Sparkassensektors sind seit 2006 von 15,7% auf 17,1% im Jahr 2013 gestiegen.
Österreichs KMUs haben im vergangenen Jahrzehnt die langfristige Finanzierung gegenüber den kurzfristigen,
jährlich zu verlängernden Kreditlinien deutlich ausgebaut, nicht zuletzt weil eine Erhöhung der
Eigenkapitalquote von 17% (2001/02) auf 29% (2011/12) gelang.
Die Kreditkonditionen in Österreich sind derzeit für alle Kreditnehmer durch die niedrige Zinslage äußerst
günstig. Der durchschnittliche Zinssatz im Neugeschäft für Kredite bis 250.000 Euro betrug zuletzt
im Durchschnitt nur 2,7%. Deutsche KMUs mussten 3,7% (also um 100 Basispunkte mehr) und italienische sogar 4,9%
(um 220 Basispunkte) mehr bezahlen.
„Angesichts der in den nächsten Jahren zu erwartenden Anhebungen der Leitzinsen sind Fixzinsbindungen zu überlegen,
da sie den Kreditnehmer vor dem Zinsänderungsrisiko schützen“, so Bosek abschließend.
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