Wien (rk) - Das Schauspielhaus Wien und das brut am Karlsplatz bekommen neue Leitungen: Ab der Saison 2015/16
wird Tomas Schweigen die Bühne in der Porzellangasse künstlerisch führen und Kira Kirsch das brut
mit seinen Spielstätten am Karlsplatz und im Wiener Konzerthaus. Dies gab Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny
am 02.07. bei einer Pressekonferenz bekannt.
Der aus Wien stammende Regisseur Tomas Schweigen kommt damit nach vielen Jahren der internationalen Theaterarbeit,
vor allem in Deutschland und der Schweiz, wieder zurück in seine Heimatstadt. Zuletzt war Schweigen in der
Schauspieldirektion des Baseler Theaters tätig, wo sein Vorgänger am Schauspielhaus Wien, Andreas Beck,
ab der übernächsten Saison die Intendanz übernehmen wird.
Kira Kirsch ist die zweite künstlerische Leiterin, die ihren Weg nach Wien über die steirische Metropole
Graz gefunden hat. Als leitende Dramaturgin des "steirischen herbst" hat sie den dortigen Festivalbetrieb
maßgeblich mitgestaltet. Mit ihrer Berufung ans Koproduktionshaus brut steht somit nach Anna Badora im Volkstheater
eine weitere Frau an der Spitze eines Wiener Theaters.
"Mit der Neuausrichtung der beiden Häuser setzen wir das Konzept der Theaterreform fort, wonach Theater
in regelmäßigen Abständen ausgeschrieben werden. Das ist besonders für Mittelbühnen wie
brut und Schauspielhaus wichtig, sind diese doch Orte der Innovation, des Ausprobierens und des Hinterfragens.
Hier entwickelt sich heute das Theater von Morgen", erklärte Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny.
Mailath über die neuen TheaterleiterInnen
"Mit Tomas Schweigen kommt ein international tätiger Regisseur ans Schauspielhaus Wien, der sowohl
an Stadttheatern als auch in der freien Szene leitende Positionen eingenommen hat. Er ist somit in beiden Welten
ausgezeichnet vernetzt, er liebt das Experiment und die Nähe zum Publikum. Er bringt aber auch die nötige
wirtschaftliche Kompetenz mit, um im Schauspielhaus Wien als Zentrum zeitgenössischen und internationalen
Autorentheaters neue Akzente zu setzen."
"Kira Kirsch ist eine sehr gut vernetzte, interdisziplinär arbeitende Dramaturgin, Kuratorin und Projektleiterin.
Sie steht für eine Vertiefung der Beziehung mit dem Publikum und setzt starke Impulse in Richtung Vermittlung.
Mit ihrem Interesse an der Vernetzung der Kulturinstitutionen am Karlsplatz liegt sie genau im aktuellen Trend
zur Partnerschaft im Kulturbetrieb."
Autorentheater in Kommunikation mit der Stadt
"Ich freue mich sehr, nach 15 Jahren wieder in meine Heimatstadt Wien zurückzukehren und die künstlerische
Leitung dieses besonderen Hauses übernehmen zu dürfen. Es ist ein Theater mit Geschichte und nach der
leidenschaftlichen Arbeit der Teams um meine Vorgänger Hans Gratzer, George Tabori, Airan Berg, Barrie Kosky
und Andreas Beck möchte ich mich nun meinerseits mit Leidenschaft und Freude in diese Herausforderung stürzen
und der Geschichte ein weiteres unverwechselbares Kapitel hinzufügen", erklärte Tomas Schweigen.
Das Schauspielhaus Wien soll weiterhin Autoren-, Ensemble- und Künstlertheater sein. Es muss sich aber der
zunehmenden Diskussion der Definition von Autorenschaft, der Struktur und Aufgabe eines "Stadt-Theaters",
modernen Produktionsweisen und neuen Formen der künstlerischen Zusammenarbeit öffnen. Es soll sich noch
stärker regional und überregional vernetzen und mit dem Publikum, mit der Stadt kommunizieren. Angestrebt
wird auch eine verstärkte Zusammenarbeit mit anderen Theaterhäusern sowie Wiener Institutionen und KünstlerInnen.
brut: Development! Not Reinvention.
"Ich freue mich auf das neue brut, ein Haus, in dem sich Performance, Diskurs und Vermittlung, Künstler,
Szene und Publikum, die Stadt und die Welt treffen werden. Ein Theater, an dem gearbeitet, diskutiert, ausprobiert,
produziert und auch gefeiert werden kann. Ein Ort, der sich beständig durch lokale und internationale Kooperationen
und Impulse weiter entwickeln wird", so Kira Kirsch.
Das neue brut wird zum Ort der Grenzüberschreitung, der die Anbindung an andere Kunstformen verstärkt
und neue Publikumsgruppen anspricht. Aktiv ausschwärmen wird brut, um die Zusammenarbeit mit Institutionen
anderer Sparten, um neue Sicht- und Denkweisen zu integrieren und ein neues Publikum zu erobern. Ein Ort zum brüten
wird das neue brut als fixes Basislager für lokale, nationale und internationale Teams, die nicht nur die
Bühnen, sondern auch die Stadt erobern wollen.
Das Auswahlverfahren
Beide Häuser wurden Anfang des Jahre 2014 ausgeschrieben, und zwar ab der Saison 2015/16 für jeweils
eine Funktionsperiode von vier Jahren. Mit Ende der Einreichfrist Ende März waren für das Schauspielhaus
57 Bewerbungen eingelangt, für brut gab es 34 Bewerbungen. Nach der Begutachtung der eingereichten Konzepte
durch die Jury - bestehend aus der Kuratorin Genia Enzelberger, der Kulturjournalistin Karin Cerny, der Sektionschefin
Kunst im BMUKK Andrea Ecker, dem Dramaturgen Stefan Schmidtke und dem Leiter der Kulturabteilung der Stadt Wien
Bernhard Denscher - wurden potentielle KandidatInnen zu einem Hearing eingeladen. Auf Basis der Empfehlungen der
Jury und nach persönlichen Gesprächen traf der Kulturstadtrat schließlich die Entscheidung.
Biographie Tomas Schweigen
Tomas Schweigen wurde 1977 in Wien geboren, studierte zunächst u.a. Theaterwissenschaft an der Universität
Wien, bevor er nach einer Schauspielausbildung nach Zürich zog, um dort ein Regie-Studium zu absolvieren.
Er gründete 2004 gemeinsam mit der Schauspielerin Vera von Gunten die Zürcher Kompagnie "Far A Day
Cage" (FADC), die zu einer der profiliertesten freien Gruppen der Schweiz avancierte. Parallel dazu inszeniert
Schweigen seit 2005 an Stadt- und Staatstheatern in ganz Deutschland sowie in Wien, wo er am Schauspielhaus mit
der österreichischen Erstaufführung von Anja Hillings "Schwarzes Tier Traurigkeit" die Spielzeit
08/09 eröffnete. Seine Inszenierungen werden vielfach ausgezeichnet und zu Festivals eingeladen, außerdem
erhielt er mehrere Nachwuchspreise, Stipendien und war in der Kritikerumfrage der Zeitschrift "Theater heute"
mehrfach als Nachwuchsregisseur des Jahres nominiert. Seit 2012 ist Schweigen Co-Schauspieldirektor und Hausregisseur
am Theater Basel, seine Gruppe FADC ist dort "group in residence". Seit 2007 ist er Gastdozent an der
Zürcher Hochschule der Künste.
Biographie Kira Kirsch
Kira Kirsch wurde 1972 in Saarbrücken geboren. Sie studierte Theaterwissenschaften in Mainz, Glasgow und
Berlin und lebt seit 2003 in Graz. Ihre beruflichen Stationen führten sie vom Landestheater Schwaben, dem
Festival Theater der Welt in Dresden und Berlin, dem Saarländischen Rundfunk über das Grazer Haus der
Architektur zum "steirischen herbst", für dessen Programm sie als leitende Dramaturgin verantwortlich
ist. Darüber hinaus ist Kira Kirsch derzeit Mitglied des Grazer Kulturbeirats und in der Jury von INTPA (Internationales
Netz für Tanz & Performance Austria). Zuvor war sie u.a. in den Jurys von imagetanz und Jungwild (Förderpreis
für darstellende Kunst für junges Publikum).Sie war Mitbegründerin des monothematischen Magazins
BOB und ist Mitherausgeberin des Readers "Truth is Concrete. A Handbook for Artistic Strategies in Real Politics",
der sich mit aktuellen Bewegungen politisch engagierter Kunst und künstlerischem Aktivismus auf internationaler
Ebene befasst.
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