Wien (rk) - Im Gedenken an die Geschehnisse der letzten Tage des Zweiten Weltkriegs - vom erstmaligen Betreten
Wiener Bodens durch die sowjetische Truppen bis zur Gründung der Zweiten Republik Österreich im Roten
Salon des Wiener Rathauses - erinnert die Rathauskorrespondenz bis 29. April täglich an wichtige Vorkommnisse
dieser Tage vor 70 Jahren.
Sonntag, der 15. April 1945
- Rotarmisten verteilen in ganz Wien die erste Nummer einer neuen Zeitung. Sie
heißt "Österreichische Zeitung, Frontzeitung für die Bevölkerung Österreichs"
und wird vom Sowjetkommando für Österreich herausgegeben. Sie erscheint vorerst unregelmäßig.
Auf der Titelseite sind ein Bild des Stephansdoms mit einer rotweißroten Fahne und Aufrufe an die Bevölkerung
Österreichs mit dem Hinweis, dass die Wiederherstellung eines selbständigen Österreichs das Ziel
der Alliierten sei.
- Radio Moskau meldet in den deutschsprachigen Sendungen, dass beim Kampf um Wien
von 3. bis 13. April 19.000 deutsche und 18.000 sowjetische Soldaten gefallen sind. Tatsächlich liegen tausende
Tote in Wiens Straßen. Während die Sowjetarmee für die Bestattung ihrer Toten sorgt, nimmt sie
Zivilisten für einen mehrstündigen Arbeitseinsatz zur Bestattung der deutschen und österreichischen
Toten fest. Bestattungsstätten, auch für gestorbene Zivilisten, sind vor allem Parks, aber auch Bombentrichter.
Passanten werden auch zu anderen mehrstündigen Arbeitseinsätzen gezwungen, vor allem zur Freilegung von
Verkehrswegen. Die meisten Straßen und Gassen sind nämlich wegen der Berge von Schutt und Trümmern
kaum passierbar.
- Die letzten Vorratslager werden geplündert, u.a. die Großkaufhäuser
in der Mariahilfer Straße und die Firma Ankerbrot, wo zwei Millionen Kilogramm Mehl und 80.000 Kilogramm
Salz gelagert waren. Es kommt wieder zu Kämpfen zwischen den Plünderern mit Toten und Verletzten. Im
Ankerbrot-Lager waten die Menschen knöcheltief durch Mehl.
- In den Bezirken wird Hilfspolizei gebildet, gekennzeichnet durch rotweißrote
Armbinden mit Stempeln in deutscher und russischer Sprache.
- Sowjetische Truppen besetzen St. Pölten. Unmittelbar vorher wurden dreizehn
Österreicher, unter ihnen Gräfin und Graf Trautmannsdorff sowie der stellvertretende Polizeichef der
Stadt, standrechtlich verurteilt und erschossen, weil sie verlangt hatten, die zu 40 Prozent zerstörte Stadt
nicht zu verteidigen, sondern kampflos zu übergeben.
- In Gloggnitz schreibt Dr. Karl Renner einen Brief an Josef Stalin, in dem er
sich anbietet, an die Spitze einer provisorischen Regierung Österreichs zu treten. Stalins positive schriftliche
Antwort trifft erst am 12. Mai ein, aber offenbar hat Stalin sofort veranlasst, dass der Vorschlag Renners in die
Tat umgesetzt wird.
- Im halbzerstörten Direktionsgebäude des Westbahnhofs gründen sozialdemokratische,
christliche und kommunistische Gewerkschaftler den Österreichischen Gewerkschaftsbund. Zum Präsidenten
wird Johann Böhm gewählt. Noch am gleichen Tag anerkennt die sowjetische Kommandantur den ÖGB.
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