Während Westeuropa dank Migration weiterhin wächst, schrumpft die Bevölkerung
in vielen Staaten Ost- und Südosteuropas in alarmierender Weise. Das zeigen neueste Studien von Demograph/innen
der ÖAW.
Wien (öaw) - Zwischen kräftigem Bevölkerungswachstum und einem alarmierenden demographischen
Schwund liegen in Europa gerade einmal einige Hundert Kilometer: Das zeigen die neuesten Erhebungen von Wissenschaftler/innen
des Instituts für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und dem Wiener
Wittgenstein Centre (ÖAW, IIASA, WU Wien). In der neuen Ausgabe des European Demographic Data Sheet veranschaulichen
sie die zwischen West und Ost seit 1990 immer stärker auseinander klaffende Bevölkerungsentwicklung,
die von einem Wachstum von 36 Prozent in Irland bis zu einem Rückgang von 22 Prozent in Bosnien-Herzegowina
reicht.
Österreichs Bevölkerung wächst
Ausschlaggebend dafür sind vor allem zwei Faktoren: Die natürliche Bevölkerungsentwicklung,
die sich aus Geburten und Todesfällen ergibt, sowie die Migration, die Ab- und Zuwanderung umfasst. Trotz
einiger Unterschiede zwischen einzelnen Staaten lassen einerseits eine relativ niedrige Fertilität sowie andererseits
eine massive Abwanderung die Bevölkerung der meisten Länder Ost- und Südosteuropas schrumpfen. So
verzeichnen Bulgarien, Lettland, Litauen, Moldawien, Bosnien-Herzegowina und der Kosovo seit 1990 Rückgänge
von über 20 Prozent. In Westeuropa war es hingegen vor allem die Zuwanderung, die die Bevölkerung im
gleichen Zeitraum deutlich wachsen hat lassen. Besonders stark ist diese Steigerung in Irland, der Schweiz, Norwegen
und Spanien zu sehen, wo die Bevölkerung im Vergleich zu 1990 jeweils um mehr als ein Fünftel gewachsen
ist. Auch Österreich verzeichnete ein Bevölkerungswachstum von rund 15 Prozent.
„Migrationsbewegungen sind inzwischen zur treibenden Kraft hinter Wachstum und Rückgang der Bevölkerung
Europas geworden“, fasst ÖAW-Demograph Tomáš Sobotka die Ergebnisse zusammen. Denn während sich
die Fertilitätsrate Osteuropas in jüngster Vergangenheit nicht mehr wesentlich von jener von westeuropäischen
Ländern unterscheidet, sind es die Wanderbewegungen der Menschen, die den Kontinent in zwei Teile teilen –
und damit auch über die Bevölkerungsgröße entscheiden.
Europa altert weiter
Bei direkten Rückschlüssen der Bevölkerungsentwicklung auf soziale und wirtschaftliche Zukunftsszenarien
ist übrigens Vorsicht angesagt. Denn während die Bevölkerung der Europäischen Union in Summe
zwar auf derzeit über 500 Millionen Menschen angestiegen ist und weiter wachsen wird, gilt das nicht für
die Größe der Erwerbsbevölkerung: Diese liegt aktuell bei 246 Millionen Menschen, könnte den
Berechnungen der Wissenschaftler/innen zufolge aber in den kommenden Jahrzehnten stagnieren oder sogar fallen.
Schließlich ist ein wesentlicher demographischer Trend in Ost und West ungebrochen, wie Sobotka betont: „Die
europäische Bevölkerung wird dank Verbesserungen in der Lebenserwartung über den gesamten Kontinent
hinweg weiterhin altern.“
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